Bastian Wierzioch: Doch Dunkel

© Die Rechte für das Cover liegen beim Verlag und beim Urheber

Postmoderne Experimente am Rande des Romans

Und immer wenn man mal wieder denkt, es gäbe nichts Neues in der Literatur mehr zu entdecken und alle Formen des Schreibens wären bekannt, dann kommt von irgendwo ein kleines Buch daher, das einen darüber belehrt, dass dem nicht so ist und man sich  tunlichst weiterhin auch jenseits der großen Verlagshäuser neugierig umsehen sollte.  In diesem speziellen Fall traf die Belehrung in Form des 2010 erschienen und nur 142 Seiten umfassenden Romans Doch Dunkel von Bastian Wierzioch aus dem Plöttner Verlag von Leipzig aus ein, der freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zu Verfügung stellte.

Zwei fiktive Welten

Die Handlung dieser satirischen Alternativweltgeschichte ist – was sollte einen das auch bei einem so kurzen Werk wundern – schnell erzählt: Im Jahre 2030 lebt der arbeitslose Bauingineur Felix Steiner in einer Stadt, die von zwei geheimnisvollen Rätseln in Angst und Schrecken versetzt wird. Zum einen treibt ein seine Opfer grausam zerstückelnder Massenmörder sein Unwesen und zum anderen verschwinden immer wieder spurlos Menschen. Und auch der Protagonist verschwindet – und erwacht in einer Parallelwelt des Jahres 2030, in welcher die nationalsozialistische Herrschaft nicht durch einen Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg beendet worden ist. In dieser alternativen Realität angekommen versucht sich Steiner nach einem schmerzhaften Verhör durch die Staatsorgane trotz einer für ihn grauenvoll faschistischen Familie und stupider Bürokratenarbeit im Importamt irgendwie einzurichten. Aber es gelingt ihm nicht. Mit einer Gruppe Leidensgenossen ersinnt er deshalb eine Möglichkeit, wie es gelingen könnte, der totalitären Welt des kriegsgebeutelten Deutschen Reiches zu entkommen.

So ganz erschließt es sich dem Leser allerdings nicht, warum Wierzioch hier zwei Welten entwirft. Dient die Verlagerung der Handlung in die Zukunft oder in eine Parallelwelt üblicherweise dazu, den Raum für den dystopischen Gesellschaftsentwurf zu schaffen, so werden hier beide Verfahren gleichzeitig angewandt und zwei Welten entworfen. Dabei unterscheidet sich die phantastische Welt, aus der der Protagonist stammt, gar nicht so stark von der unsrigen – die Extrapolation beschränkt sich auf die stärkere Marktbeherrschung durch einzelne Großkonzerne sowie einzelne technische Entwicklungen wie z.B. Hochgeschwindigkeitsschwebebahnen oder private Gleiter. Immerhin bedient sich der Autor damit gleich zweier Verfahren utopischer Werke aus unterschiedlichen Phasen des Genres. Verlegte die klassische Utopie ihre Gesellschaften noch in der Zeit, wie Elena Zeißler festhält, so transferiert der Autor der postmodernen Dystopie aufgrund der Zweifelhaftigkeit kausaler Abläufe seinen Entwurf wieder innerhalb des Raumes, wozu letztendlich auch Parallelweltromane wie Doch Dunkel von Wierzioch gehören.

Man wagt es heute kaum noch, die Begriffe Postmoderne oder postmodernistisch in den Mund zu nehmen – aber anders ließe sich das, was der Leipziger Jounalist und MDR-Moderator Wierzioch als Erstlingswerk da abgeliefert hat, schwerlich beschreiben. Und angesichts der Tatsache, dass man tatsächlich einige Seiten braucht, bis man sich an die Erzählweise gewöhnt hat, war es wohl sinnvoll, für interessierte Leser eine Anleitung voranzustellen, welche diese darauf hinweist, dass in der linken Spalte die sprachlichen Äußerungen der Figuren ständen und in der rechten die Gedanken Steiners. Das Ergebnis ist ein radikal personal erzählter Text im Form eines Gedankenstromes, wie man ihn spätestes seit Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler kennt, welcher hier aber auf zwei Spalten aufgebrochen wird. Und wer Leutnant Gustl schon einmal gelesen hat, wird wissen: Das liest sich nicht so leicht, denn die dem Leser Orientierungshilfen bietenden Kommentare des Erzählers fehlen und beständig muss der Rezipient darauf achten, welche Figurenrede eigentlich da gerade im Kopfe der Erzählinstanz widerhallt. Dazu kommen die Sprunghaftigkeit der Gedanken und die tendenzielle Gleichzeitigkeit des Geschehens, welche in der typischen Linearität von Texten gar nicht abgebildet werden kann – wenn man diese nicht aufbricht, so wie Wierzioch es getan hat. In einer Besinnung auf das Material des Zeichens selbst werden typografisch die Äußerungen Steiners in Kursivschrift von denen der anderen Figuren unterschieden, wobei medial vermittelte Figurenrede wie Telefongespräche oder Inhalte von Zeitungsartikeln noch einmal durch Majuskelschrift in den Gedanken des Protagonisten besonders vom Rest abgehoben werden. Das gelingt insgesamt – wie ich finde – ganz gut, zumal der Leser nichtvollständig  im vorwärtsreißenden stream of consciousness unterzugehen droht. Als Nebeneffekt betont diese Erzählweise die nicht seltene Situationskomik, wenn der nicht sehr clever wirkende Protagonist mal wieder mit seiner Umwelt überfordert erscheint:

Danke, Magda!
Und Roduulf wartet in seinem Zimmer!
Wah! Wer? Was? Wer?
Hm,hm,hm!
Was ist denn, mein Gatte?
Ja, das Koma…
Scheiße!
…fühle mich so schwach
Scheiße!
…der Schwindel…
Arschloch Scheiße!
Dann geh später zu Deinem Sohn
Sohn! Nein! Wah! Nicht Sohn!

Dabei wird die Sprache – wie übrigens für viele Bereiche der deutschen Literatur der Gegenwart konstatiert wird, – endgültig der Mündlichkeit angenähert. In Kombination mit dem das äußere Geschehen konsequent gestaltenden Bewusstseinsstrom führt dieses dazu, dass sie manchmal beinahe als Comicsprache, auch in Verwendung lautmalerischer Mittel erscheint – eine Tatsache, der sich der Text, wie die Betrachtung des Helden beim Konsum von seinen geliebten KITO-Comics während einer Unterhaltung deutlich macht, durchaus bewusst ist:

…noch nie leiden kon…
SCHRUUNKK Ah! Blutiger Biss! Top-Model-Vampir. Athletin. Athletik-Vampirin!

Deshalb erscheint es auch nur konsequent, wenn die attraktive Heldin aus seinen Comicheften ihm auch als lebende Ratgeberin in der Parallelwelt erscheint, womit das Zeichenspiel und die damit verbundene Anzahl fiktiver Welten übrigens in postmoderner Manier um eine weitere intertextuelle Dimension erweitert wird.

Aus der für den Leser deutlich konstatierbaren Fragmentierung der Weltwahrnehmung im Bewusstseinsstrom der Erzählinstanz resultiert eine Fragmentierung der dystopischen Welt für den Rezipienten, weil diese in ihrer Gesamtheit über den hierzu (auch intellektuell) gar nicht fähigen Protagonisten nicht mehr dargestellt werden kann. Dieser Zersplitterung von kohärentem Geschehen und linearen Abläufen entspricht auch die Fragmentierung des Textes und der Handlung in Form sehr kurzer Kapitel, denen jeweils eine den Plot kurz zusammenfassende Überschrift (Held flieht aus Untersuchungshaft) beigegeben ist.

Fazit

Ich halte die utopische Satire Doch Dunkel für einen streckenweise sehr unterhaltsames und manchmal auch sehr witziges Buch, das in interessanter Weise die Möglichkeiten postmodernen Erzählens erfolgreich auslotet und hier tatsächlich neuen Raum für das Spiel der Zeichen gewinnt. Dass die Auseinandersetzung mit dem eigentlich grusligen Gegenstand dabei manchmal nicht sehr tiefgehend – dafür aber höchst kurzweilig – ausfällt, sollte man nicht zu stark kritisieren. Da man vermutlich nicht mehr als 2 Stunden für die Lektüre des Romanes benötigen wird, empfehle ich jedem, der Neuem gegenüber aufgeschlossen ist, sich auf Wierziochs Experiment Doch Dunkel einmal einzulassen.

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