Herbert Rosendorfer: Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa

Rezension von Herbert Rosendorfers Roman ‘Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa’

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

In Herbert Rosendorfers umfangreichen Werk finden sich neben Kurzgeschichten, Erzählungen, Fernsehspielen und Libretti auch eine ganze Reihe phantastische Romane – und unter diesen auch die im Kolumbusjahr 1992 erschienen Parabel Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa.

Glaubt man zu Beginn der Lektüre noch, es hier mit einem Werk zu tun zu haben, das vor allem als humorvolle – und vor allem unterhaltsame – Spitze gegen die Eigenheiten der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft  gedacht ist, so muss man bald feststellen: Die Geschichte der Entdeckung unserer Welt durch die höchst fremdartigen Außeriridischen erzählt bitterböse vom Untergang der indigenen Kulturen infolge der europäischen Expansion:

Die Eroberung der Welt

Denn wie einst die Azteken vor der Ankunft der Spanier (so legen zumindest einige historische Quellen nahe), so erwarten auch die Deutschen in Rosendorfers Roman den Anbruch einen neuen Ära: In diesem Falle das Wassermannzeitalter. Und allen vorneweg die Mutter des auktorialen Ich-Erzählers, welche als selbsternannte Esoterik-Expertin in den Außeridischen, die 1992 in der süddeutschen  Provinz landen und schon bald die Goldenen Heiligen genannt werden, in göttlichem Auftrag gesendete Wesen erblicken will. Auf der Suche nach einer “Botschaft” reist sie an die verschiedenen Landungsstellen, die in den nächsten Jahren bekannt werden. Kritik wird, obwohl es erste “Verluste” bei gewaltsamen Zusammenstößen und aufgrund von offensichtlichen Entführungen gibt, nicht zugelassen. Der öffentlichen Meinung zum Trotz können sich aber immerhin wenigstens ein paar Betroffene zu einer abweichenden Meinung durchringen – auch wenn diese ebenfalls kaum differenziert erscheinen:

Unglücksfälle wie am Monte Fusa waren in Vyskov nicht zu verzeichnen. Die Goldenen Heiligen sandten nur einmal einen Strahl aus, der drei Kilometer weit ausfuhr und beim Zurückschnellen einen Vogelbauer mit drei Wellensittichen erfasste, der einer gewissen Witwe Krtkova gehörten. Auch die Wellensittiche – sie hießen Borivoy, Dalibor und Simson, gab die Krtkova im Fernsehen bekannt, die Tränen mit der Kittelschürze abwischend – nahmen die Goldenen Heiligen nebst Vogelbauer mit. “Das können keine guten Menschen sein”, sagte die Witwe. Das Fernsehen – und zwar jede Anstalt, die die Witwe interviewte – schenkte ihr drei neue Wellensittiche, [sodass] die Witwe Krtkova im Frühjahr 1995 über vierhundertfünfundsechzig Wellensittiche verfügte.

Wer allerdings mit der europäischen Expansion in 15. und 16. Jahrhundert (nicht nur in Südamerika) vertraut ist, der weiß: Den noch vorsichtigen Erkundungsfahrten schlossen sich schon wenige Jahre später die Gründungen erster Siedlungen an, denen dann die schrittweise Inbesitznahme – einschließlich des Zusammenbruchs der indigenen Gesellschaften folgte. Gleiches geschieht auch hier: Schon wenige Jahrzehnte nach dem ersten Kontakt ist die menschliche Zivilisation am Ende. Für die aus blauen Glasperlen bestehenden Vierpass liefern die letzten menschlichen Siedlungen Holzschuhe an die Invasoren, die in immer größerer Zahl die Erde “bedecken”; die Bewohner der ummauerten und auf mittelalterliches Niveau herabgesunkenen Städte siechen aufgrund von Hunger, Krankheiten und der schädlichen Wirkung abhängig machender außerirdischer Apparaturen langsam dahin; Kollaboration aus Eigennutz verhindert den durchaus noch möglichen erfolgreichen Widerstand. Und auch das Ende ist bekannt: In Reservaten und Zoos schwinden die spärlichen Reste der eroberten Kulturen unter zuletzt doch noch interessiertem Blick – dieses Mal keinem menschlichen – dahin.

Beurteilung

Eine junge Frau, mit nichts als Birkenstock-Sandalen bekleidet, brach durch das Gebüsch auf die Straße und lief, schrecklich klappernd, in Richtung Paderborn. Monsignore Altmögen glaubte zunächst an eine zölibatäre Zwangsvision.

Man muss zugeben: Mit dem (immer noch) grassierenden Esoterikwahn und den (noch verbliebenen) religiösen Institutionen hat sich Rosendorfer sehr leichte Ziele für seinen Spott ausgesucht (selbst wenn es diese ihn möglicherweise selbst zu verschulden haben). Dafür ist dieser allerdings bestechend poinitiert und sehr amüsant geraten. Aber der Roman ist nicht wegen seinen an diesem Punkte vorgetragenen gesellschaftskritischen und eloquenten Attacken lesenswert, sondern aufgrund seiner gar nicht oberflächlichen parabolischen Darstellung der historischen Vorgänge. So mag zwar der Handel mit den völlig unnützen Vierpass bzw. Holzpantinen zuerst geradezu lächerlich erscheinen, bei genauerer Betrachtung stellt er sich aber nur als groteske Überzeichnungen der historischen “Erstkontakte” dar. So berichtet Columbus beispielsweise in seinem Bordbuch:

Sie nahmen sogar zerbrochene Faßreifen und gaben dafür wie Blödsinnige alles, was ihnen gehörte, so daß dieser Tauschhandel mir zuletzt unredlich erschien und ich ihn verbot. Ich gab ihnen tausend hübsche Kleinigkeiten…

So wie es dem überlegenen europäischen “Gutmenschen” Kolumbus selbst in seiner schönfärbenden Selbstdarstellung nicht gelingt, den Seltenheitswert der (zudem noch!) metallenen Fassreifen für die Bewohner einer karibischen Insel zu erfassen, begreift der menschliche Leser bis zum Schluss nicht, warum die Eroberer verdammt noch mal so wild auf die schnöden Holzpantoffeln sind. Impliziert wird, dass auch aus der nicht dargestellten Perspektive der “Besucher” die Menschen “Blödsinnige” bzw. Primitive sind, die sich mit blauen Glaskugeln – “hübschen Kleinigkeiten” (die ebenfalls Seltenheitswert besitzen) – abfinden lassen. Das ist gar nicht schlecht gelungen – zumal sich die hier problematisierte Fremdwahrnehmung immer wieder auch in die andere Richtung lesen lässt.

Ein bisschen zu überdeutlich gerät der Roman gegen Ende hin, als auch noch die Vorgeschichte der außerirdischen Entdeckungsfahrt explizit mit der Vorspiel der Kolumbusfahrt gleichgesetzt wird – wohl auch in der Absicht, das auch der letzte Leser den Bezug noch begreife. Dieses kann dem 280-Seiten-Roman insgesamt aber kaum noch schaden.

Fazit

Rosendorfer gelingt es in Die Goldenen Heiligen witzige – und teilweise leichte – Unterhaltung mit tödlichem und tiefen Ernst zu verbinden, ohne dass der empfindsame Leser angesichts dieser grotesken Kombination bestürzt schlucken müsste (Es sei denn, er wartet auf den 21.12.2012). Überzeugend werden vor allem die historischen Vorgänge in einer phantastische Begegenung der Menschheit mit Außerirdischen – bzw. genau umgekehrt – gespiegelt. Ein durchaus empfehlenswerter Roman.

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8 Responses to Herbert Rosendorfer: Die Goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa

  1. Michael says:

    Schwierig, fällt mir dazu nur ein. Wirkt auf mich alles äußerst bemüht, und daher unwitzig. Allerdings erinnerte es mich vage an die Werke von Ady Henry Kiss, die wiederum nicht bemüht sind, sehr wahnsinnig und sehr lustig zuweilen. Das war mit deiner Rezi sicher nicht beabsichtigt, sollte aber erwähnt werden … ;-)

    • RobRandall says:

      Musste eben erst mal googlen… der Name Ady Henry Kiss sagte mir so gar nichts.
      Hmm… ‘bemüht’ – ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, der Text machte streckenweise nicht den Eindruck. Allerdings habe ich dennoch oft geschmunzelt und zuweilen auch gut gelacht. Wenn ich einen Vergleich des Humors hätte anstellen wollen, dann einen mit Bölls ‘Ende einer Dienstfahrt’. Habe ich mir dann aber doch verkniffen – mit solchen Namen sollte man ja auch nicht inflationär um sich werfen.

  2. Michael says:

    Über Kiss bin ich mal Dank einer Erwähnung im Zillo gestolpert. Das war zu Zeiten, als man das Schmierblatt noch guten Gewissens kaufen konnte. Ich empfehle als Einstieg das überragend gute “Manhattan II”. Man kann dieses Buch nicht doof finden, wenn dessen erste Sätze so lauten:
    “Ein Besoffener empfiehlt, den Unterlauf der Weser mit einem Körper zu versperren. Erkläre mich dazu bereit.”

  3. RobRandall says:

    By the Way: Wann war die Zillo mal wirklich lesenswert?

  4. Michael says:

    Zu Zeiten, als Easy noch lebte. Als sich freie Mitarbeiter mit klapprigen Kisten an den Wochenenden aufmachten, um in den entlegensten Winkeln von Deutschland total unbekannte Bands spielen zu sehen, um diese dann den Lesern nahe zu bringen. Als das Papier noch grisselig war, aber der Anspruch bestand, Menschen GUTE Musik zu zeigen. Also schon ewig her … ;-)
    Zu ManhattenII – die Rezi ist wohlwollend, interpretiert für meinen Geschmack aber etwas zu viel in das Buch hinein. Sozialdarwinistisch, soso. Für mich eher Kafka auf Speed. Ein Buch, dass man der Stimmung und der Sprache wegen mögen wird, weniger aufgrund seiner Story. Denke ich.

  5. Michael says:

    Du hast hier einen Bug … wenn man einen Smiley schreibt, wird der nach dem Absenden automatisch an den Anfang der entsprechenden Zeile versetzt … das ist mir letztens schon aufgefallen. An der jetzigen Stelle macht er keinen Sinn, und nein, ich habe mich nicht vertippt!

    • RobRandall says:

      Also als noch Gitarren durch die Dunkelheit schrummelten… und nicht Tekkno-Gepiepe… ;)

      Habs repariert. Wie du siehst. :) Danke für den Hinweis.

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