Matthias Horx: Glückliche Reise. Roman zwischen den Zeiten

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Rezension zu Matthias Horx’ Glückliche Reise. Roman zwischen den Zeiten

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Denjenigen von euch, die sich schon länger mit dem Thema auseinandersetzen, wird das Jahr 1983 schon als das Jahr bekannt sein, in dem die meisten deutschen literarischen Auseinandersetzungen mit dem Atomtod – und der Zeit danach – erschienen. Neben Anton Guhas Ende, Dieter Königs Feuerblumen und Udo Rabschs Julius oder der Schwarze Sommer gehört auch Matthias Horx’ Glückliche Reise. Roman zwischen den Zeiten zu diesen Werken. Aufbau und Inhalt des Romans machen deutlich, wie schwierig es Anfang der 80er Jahre gewesen sein muss, einen intellektuellen Beitrag zum Nuklearkrieg- bzw. Utopie-Diskurs zu leisten – denn das will der Text sein.

Rituelle Umkreisungen

Eingeteilt ist der Text in 3 Kreisläufe: Die 12 Kapitel aus Grünes Land wechseln streng zwischen auktorialem Er- und personalem Ich-Erzähler, wobei dieses für den vorgeschalteten Prolog und das 13. Kapitel nicht gilt. Der Kreislauf Dunkle Stadt ist in 4 Sequenzen geteilt: Randbezirk, Frohes Fest, Ganz tief unten und Das Projekt. Die Kapitelzahlen nehmen hier linear ab: 12, 8, 4, 0. Der auf das Ende zustrebende Kreislauf Zone zählt in 21 Kapiteln einen 24-tägigen Countdown bis zum erneuten Start einer Atomrakete herunter. Auch wenn diese Struktur, wie Hans Krah feststellt, wenig funktional und aufgesetzt* erscheinen mag – diese angestrengt wirkende Ritualisierung von Erzähl- und Zeitstrukturen postuliert nicht nur Offenheit und Distanz, sondern ist bestrebt den hier thematisierten Kern des utopischen Diskurses formal abzusichern: Denn im Zentrum der Umkreisung steht neben der eigentlichen utopischen Aporie die Frage, wie die ewige Wiederkehr des Verhängnisses, die so auch durch die äußere Form des Textes nahegelegt wird, verhindert werden kann.**

Zwei Welten

Die Handlung des Romanes setzt 2016, 18 Jahre nach dem Atomkrieg, ein. Während im einen (ländlichen) Teil des Landes Forschung und Entwicklung von Technik von einflussreichen transformatorischen Orden mit zahlreichen Tabus belegt sind, scheinen im anderen (städtisch geprägten Teil) Bemühungen getroffen zu werden, an die technologische Vorkriegsmarke anzuknüpfen. Der Protagonist Jonathan, der sich im ersten Kreislauf schon aufgrund aufgrund des Baues einer Flugmaschine fanatischen Anfeindungen seitens der ansässigen Bevölkerung ausgesetzt sieht, überschreitet nach Hinweisen einer Angehörigen des Ordens im zweiten Teil die Grenze zum städtischen Bereich und verdingt sich als Arbeiter unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den neuentstandenen Fabriken. Als er feststellt, dass die Herrschenden offensichtlich an einem Raumschiff namens Terra 2 arbeiten, wird er enttarnt. Mit einigen strahlengeschädigten jungen Schildkröten – Angehörigen einer Gruppe aus dem Grenzbereich, die er bei seinem Übertritt in die Fabrikzone kennen gelernt hat und ihn nun befreien konnten – sowie seiner Freundin aus dem transformatorischen Orden macht er sich in einem gepanzerten Fahrzeug in die stark verstrahlte Zone auf, um von dort aus mittels einer Atomrakete den Bau bzw. Start von Terra 2 zu verhindern – und die technologischen Entwicklungen der Fabrikzone insgesamt zu stoppen. Unter paradoxen Vorzeichen wiederholt sich die Geschichte – um zu verhindern, dass sie sich wiederholt.

Die Aporie der Utopie

Hans Krah stellt richtig fest, dass die Widersprüche und Paradoxien, die utopischen Entwürfen inhärent sind, im transformatorischen Orden zum Programm erhoben werden. Horx’ begrenzter utopischer Entwurf berücksichtigt insofern den Diskurs und versucht sich selbstreflexiv gegen Kritik zu immunisieren. Deutlich wird dieses in zahlreichen einmontierten Ausschnitten aus der theoretischen Schriften, die zum einen sprachlich den Vorkriegsdiskurs abbilden und zum anderen deutlich machen, dass der Kampf gegen die comuterisierte Hochtechnologie auf Überlegungen basiert, die schon vor 1998 entstanden sind:

Aus Freimuth J. Webers >Kleine antipolitische Schriften vor dem Zusammenbruch<, erstmals expediert anno MCMXCIV: Zum Problem des Autarkismus. Werden die heutigen transformatorischen Subsistenzgemeinschaften die Modelle der Zukunft nach dem Zusammenbruch sein? Werden wir das Ziel der kleinen Einheit, die sich vollkommen von der Megamaschine unabhängig macht, auf ewig aufrechterhalten? Die heutigen transformatorischen Zellkerne sind Übergangsformen. Je mehr der zivilisatorische Kern zerfällt, um so mehr werden sich die einzelnen Enklaven öffnen… Eine solche Vernetzung birgt zur Zeit noch die Gefahr, zivilisatorisch verfremdet zu werden. Noch ist die Sucht nach der Megamaschine zu stark. Das Prinzip des vollkommenen geschlossenen Kreislaufs ist im Augenblick eine Notwendigkeit, ein stilles Zeichen gegen den industriellen Größenwahn… Erst muss diese Phase durchlaufen sein, bevor wir uns komplexeren bioevolutionären Soziotopbalancen zuwenden können…

So bemüht der Text insgesamt wirkt, so angestrengt klingen diese theoretischen Grundgedanken, welche neben der fiktiven Schrift Metanoia die Basis der Umkehr-Utopie bilden, auch. Sie verhindern auf einer Metaebene zudem, dass der Text unkritisch als unterhaltsame postnukleare Abenteuergeschichte gelesen werden kann – denn dieses wäre aufgrund der (bekannten) Handlungsstrukturen und Motive (als da wären: mutierte Tiere, von Traumata begleitete Besuche im Elternhaus, Fürsorge für Mitmenschen, verwilderte Jugendliche in den Ruinen der Großstädte, Flucht vor den Behörden und Fahrten im strahlensicheren Panzer, Bau eines Raumschiffes zur Flucht) – durchaus möglich gewesen.

Fazit

Horx’ Text Glückliche Reise ist sehr stark darauf bedacht, nicht als trivialisierender Roman, sondern als literarischer Beitrag zum Atomtod-Diskurs wahrgenommen zu werden. Der Autor entwirft eine utopische Vision, die zwar Kritik antizipiert und Widersprüche zum Programm macht, letztlich aber – aus nachvollziehbaren Gründen – keine akzeptable Lösung anbieten kann. Es bleiben also zahlreiche Fragezeichen – auch hinsichtlich der Zielsetzung des Romanes.

*Hans Krah, Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen vom >Ende< in Film und Literatur, Kiel, 2004, S. 323.
** Zu diesem Thema siehe auch: Wolfgang Braungart, Ritual und Literatur, Tübingen, 1996.

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