Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen

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Rezension zu Ninni Holmqvists Dystopie Die Entbehrlichen

Eine Buchbesprechung von Friederike

Meistens entwickeln sich dystopische Gesellschaften nach irgendwelchen Katastrophen, seien es Seuchen, Naturkatastrophen oder Terroranschläge. Doch gerade im aufgeklärten und gebildeten Schweden ist bei Ninni Holmqvist die gesellschaftliche Veränderung ganz legal abgelaufen – eine politische Partei hat die Idee der entbehrlichen und benötigten Bürger in ihr Programm aufgenommen und wurde gewählt. Und nun wird Dorrit 50 Jahre und muss in die Reversebankeinheit für biologisches Material, da sie als Entbehrliche sonst keinen Zweck mehr erfüllt. Zeit ihres Lebens hat sie mehr Wert auf ihre persönliche charakterliche und geistige Weiterentwicklung gelegt und weniger darauf, möglichst viele Menschen von sich abhängig zu machen. Nun muss sie der Gesellschaft eben so dienen.

So schlimm, wie es anfangs für Dorrit klingt, ist die Einrichtung aber gar nicht. Sie findet Freunde und die Bewohner werden mit Luxus überhäuft, können alle Delikatessen oder jegliche Designerkleidung haben, die sie sich wünschen. Wenn sie nicht gerade an Medikamenten- oder anderen Humanversuchen teilnehmen, können sie ihre Freizeit gestalten, wie sie wollen, ob Theater, Kino, Kunstausstellungen, Restaurantbesuche. Alles ist möglich. Aber alles nur innerhalb der Einrichtung, die keine Fenster nach draußen hat. Denn natürlich sollen die benötigten Kranken nicht auf die Menschen treffen, die für sie sterben müssen. Das wäre ja unethisch.

“Was ist der Sinn des Lebens?”, soll Dorrit dem Psychologen Arnold beantworten, der in der Einrichtung auf ihr psychisches Wohl achten soll. Dorrit ist Schriftstellerin, und hört natürlich nicht auf, sich über die Ungerechtigkeit des Systems Gedanken zu machen und sie zu Papier zu bringen. Sind alle Menschen gleich viel wert? Oder verdienen nur die, die Kinder in die Welt setzen oder einen wichtigen Beruf erfüllen, ein langes, selbstbestimmtes Leben? Hat nur deren Leben einen Sinn? “Das Leben ist ein Kapital, welches unter den Bürgern gerecht verteilt werden muss”, wird sie Arnold schließlich antworten. Nur so macht das Ganze einen Sinn; nur so ist es sinnvoll, dafür zu sterben.

Das Buch kommt still und wortgewandt daher, und hat mich trotzdem von der ersten Seite an gefesselt und einen großen Eindruck bei mir hinterlassen – und viele Fragen: Was wäre, wenn die Politik eines Tages den Gedanken des Blut- und Organspendens weiterdenken würde? Käme vielleicht eine ähnliche Idee dabei heraus, wie Holmqvist sie hier skizziert? Bei Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro werden die Spender gar nicht erst als Menschen betrachtet, hier dagegen sind sie einfach überflüssige Mitglieder der Gesellschaft. Und Menschen, die der eigenen Meinung nach ihr Leben irgendwie verschwenden, kennt doch jeder, oder?

Dorrit steht für eine veraltete Generation, die viel Wert auf Eigenständigkeit und Selbsterfahrung gelegt hat. Sie ist viel gereist, hat sich weitergebildet und mehrere Berufe ausprobiert. Was mir erstrebenswert erscheint, zählt in der neuen Gesellschaft jedoch nichts mehr. Hier zählen nur noch Kinder und Produktivität. Wer das nicht liefern kann, gibt eben seine Organe her. Ob die Gesellschaft vom Aussterben bedroht ist, was es irgendwie verständlicher machen würde, dass so viel Wert auf Kinder gelegt wird, bleibt unklar. Und während Dorrit ihr Schicksal als Entbehrliche letztendlich akzeptiert, beende ich das Buch traurig und fassungslos und hoffe bloß, dass wir uns unsere Menschlichkeit erhalten. Damit es niemals so weit kommt.

Ein Kommentar zu: Ninni Holmqvist: Die Entbehrlichen

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