© Die Rechte für das Cover liegen beim Verlag und beim Urheber
Rezension zu Der Tag an dem das Feuer fiel – Brendan Dubois’ postapokalyptischem Thriller
Eine Buchbesprechung von Rob Randall
Es ist so eine Sache mit der Übertragung eines fremdsprachlichen Titels ins Deutsche – wenn man keine wortwörtliche Übertragung vornehmen will, läuft man Gefahr, dass der eigene Titel entweder dem Roman nicht gerecht wird, oder dass der Focus auf einem anderen Aspekt des Textes liegt, als der Autor – in diesem Fall der amerikanische Schriftsteller Brendan DuBois - eigentlich intendiert hat.
Im englischen Orginal aus dem Jahre 1999 heißt Der Tag an dem das Feuer fiel jedenfalls Resurrection Day, was dem Roman viel eher gerecht wird; denn DuBois’ uchronischer Text, in dem die Geschichte einen anderen Verlauf als die unserer Wirklichkeit genommen hat, schildert nicht – wie der deutsche Titel nahelegt – die Ereignisse am dem Tag, als die Kubakrise zum Nuklearkrieg eskaliert, sondern ist ein packender Politthriller, dessen Handlung in den vom Atomkrieg stark geschwächten U.S.A. des Jahres 1972 angesiedelt ist. Und der Roman stellt vielmehr die Frage nach dem Neubeginn als nach dem Untergang – auch wenn die Lösung der Frage, was genau am ersten Tag des Krieges geschehen ist, einen zentralen Aspekt der Handlung ausmacht.
Dieses erklärt dann auch, warum auf dem Cover die aufgehende (oder untergehende?) Sonne keinen B-52-Bomber bedrohlich illuminiert, sondern eine schnöde Linienmaschine. Und da der Protagonist, der als ehemaliger Soldat und ungeliebter Reporter des Bostoner Globe entgegen allen Warnungen einem mysteriösen Mordfall nachspürt, aber nur einmal in ein Flugzeug steigt, um mit seiner Affaire, einer rätselhaften und schönen Journalistin der Times, an einer Führung durch die verstrahlten Ruinen von New York teilzunehmen, wird sich das Cover wohl hierauf beziehen. Und vielleicht erklärt sich so auch ein wenig, wieso der Roman, der in den englischen Medien – zugegeben: nicht ganz zurecht – mehrfach mit Robert Harris Vaterland verglichen wurde, in Deutschland weitgehend unbeachtet geblieben ist. Nur eine einzige Rezension ließ sich finden… und diese fällt – meiner Ansicht nach ebenfalls nicht zurecht – ziemlich vernichtend aus.
Ein spannender und interessanter Politthriller
Zuerst: Mir hat der Der Tag an dem das Feuer fiel Spaß gemacht, obwohl Dubois sich der bekannten Mittel eines Polithrillers bedient: Ein mysteriöser Mord, Vertuschungsstrategien der Mächtigen bzw. der Regierung und ein ungeliebter Außenseiter, der sich zum Ziel setzt, eine potentielle Verschwörung aufzudecken. Und natürlich darf dabei auch nicht eine dramatische Liebelei fehlen. Aber: Dubois bedient sich dieser Elemente ziemlich gekonnt, so dass man den Roman nicht in die Ecke werfen möchte.
Interessant macht den Roman die Kombination von Politthriller mit postapokalyptischen Elementen – so etwas findet sich doch ziemlich selten (eines der wenigen Beispiele ist z.B. Mira Grants Roman Feed – Viruszone). Dubois nimmt sich auch genügend Zeit, die bedrückende Atmosphäre eines Landes nach einem begrenzten Atomkrieg zu zeichnen – den Mangel an Gütern, die Traumata der Figuren und die bedrückende gesellschaftliche Atmosphäre, einschließlich eines zeitweiligen Abtauchens der Hauptfiguren in die unterirdischen Zufluchtsorte der (wie immer) widerborstigen New Yorker.
Die alternative Geschichte
Dennoch spielt der Roman mit Harris’ Vaterland (der sich übrigens ebenfalls der oben genannten Stereotypen des Politthrillers bedient) nicht in einer Liga: Der fiktive historische Hintergrund ist zwar nicht so haarsträubend wie jener in Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, aber immerhin doch ziemlich gewöhnungsbedürftig: Nachdem die Supermächte U.S.A. und U.D.S.S.R. in ihrem nuklearen Gerangel um die Macht aus dem Kampf Aller gegen Alle ausgeschieden sind, machen sich Deutschland und Frankreich daran, in Osteuropa aufzuräumen (mir ist bisher noch nicht zu Ohren gekommen, dass Frankreich jemals in Osteuropa (jaja, Napoleon…) territoriale (!) Interessen verfolgt hätte) und Groß Britannien ist dabei, sein Empire wieder aufzubauen – und dabei schrecken die höchst verschlagenen und machtbesessenen Briten bei DuBois auch nicht vor einer gewaltsamen Annektion ihrer ehemaligen Kolonie in der Neuen Welt zurück. Naja.
Zudem: Hier wird der Spieß einmal umgedreht – denn die europäischen NATO-Staaten haben die U.S.A. im Stich gelassen; dabei befürchteten im Kalten Krieg die Europäer – insbesondere die West-Deutschen – dass der Große Bruder jenseits des Atlantiks nicht bereit sein könnte, seine Bevölkerung für Berlin oder die B.R.D. zu opfern. Um zu klären, ob das jetzt realistisch ist, müsste man wohl den seligen Konrad Adenauer einmal befragen.
Kennedy lives!
Fragwürdig ist für mich die Darstellung der Regierung Kennedys, einschließlich ihres Verhaltens in bzw. vor der Kubakrise (Es gab ja schließlich auch keine Türkeikrise, als die Amerikaner vor den Toren der U.D.S.S.R. potentielle Erstschlagswaffen stationierten). Und obwohl die Protagonisten immer wieder auf Hinweise stoßen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nicht im atomaren Feuer umgekommen sein könnte, untersteht sich DuBois dankenswerter Weise, ihn tatsächlich von den Toten wieder auferstehen zu lassen – das wäre auch wirklich zuviel des Guten gewesen.
Fazit
Wer bereit ist, Dubois’ alternativen Geschichtsverlauf zu akzeptieren, der kann Der Tag an dem das Feuer fiel ruhig lesen – allerdings sollte er auch darauf gefasst sein, auf die typischen Motive und wenig innovativen Erzählstrategien eines Politthrillerautoren zu stoßen – aber auch auf jene dichte Atmosphäre, die man von einer Geschichte erwartet, die einem Amerika spielt, das vom Dritten Weltkrieg verwüstet wurde.









Der Begriff “uchronisch” war mir neu, aber Wikipedia hat da gleich weitergeholfen.
Ansonsten ein schönes Review, was mich gleich dazu gebracht hat, das Buch (gebraucht) zu bestellen. Ich mag es sehr, wenn solche “was wäre wenn”-Szenarien schön ausgebreitet werden!
Hallo Sarge,
danke für das Lob!
Für das Genre finde ich uchronisch als Bezeichnung einfach irgendwie besser als solche Formulierungen wie Alternate History. Kontrafaktisch klingt auch irgendwie nicht so… es gibt da übrigens noch einen Roman, in dem die Kubakrise anders verläudft, leider ist der noch nicht auf Deutsch erschienen. http://www.amazon.de/When-Angels-Wept-What-If-History/dp/1597975176