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Rezension zu Greg Bears Science Fiction Roman Blutmusik
Eine Buchbesprechung von Rob Randall
Einen höchst merkwürdigen Roman hat der amerikanische Autor Greg Bear 1985 mit Blutmusik verfasst. Ja, merkwürdig. Sehr seltsam. Apokalyptisch. Und transzendental. Zum Ende hin.
Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum die gut gemeinten Hinweise des Heyne-Verlags zum Inhalt auf dem Cover nicht so ganz zum Plot passen. Denn Vergil Ulam, der Protagonist des Romans (dessen Vorname Vergil wohl auf den gleichnamigen römischen Dichter anspielt, der in Dantes Inferno als erster Führer in die Unterwelt auftritt, und dessen Nachname Ulam gleichlautend mit jenem des Erfinders der Neutronenbombe ist), arbeitet nicht wirklich an Biochips – obwohl er eigentlich sollte. Seine Anstellung bei einer Forschungseinrichtung nutzt er vielmehr dazu, seinen eigenen genetischen Experimenten an menschlichen Zellen nachzugehen. Und obwohl die Ergebnisse seiner Versuche sind den Biochips in ihren Fähigkeiten weit, weit überlegen sind, soll er sie, nachdem seine Eigenmächtigkeiten aufgedeckt worden sind, vernichten. Er kann und will dieses aber nicht. Deshalb injiziert er sich seine “Kinder” selbst, ohne sich viele Illusionen über deren Überlebenschancen zu machen. Allerdings irrt er: Seine biologischen Computer überleben nicht nur, sie vermehren sich. Und verwandeln ihren Wirt. Und noch viel mehr, denn das Wort Bakterienkultur wird nun dem, was es bezeichnet endlich wirklich gerecht. Und so fremd die Stimmen auch sein mögen, die der Infizierte hört – als Nachfahren menschlicher DNA zeichnen sie sich vor allem durch eines aus: Eine gehörige Portion Expansionsdrang. Und so dauert es auch nur wenige Tage, bis die U.S.A. aufgrund der ausgebrochenen Epidemie als Staat nicht mehr existieren und der ganze nordamerikanische Kontinent mit seinen Bewohnern eine gewaltige Transformation erfährt. Die Welt, wie wir sie kennen, endet. Und etwas Neues beginnt.
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust
Die seit langem geflügelten Worte, die Goethe seinem Faust in den Mund legt, könnten nicht nur Bears Figuren millionenfach seufzen, sondern auch seine Leser. Denn die Beurteilung von Blutmusik fällt ausgesprochen schwer.
Während Bear zu Beginn keine Zeit verliert und die Handlung den Leser sofort mitreißt, enttäuschen am Ende des Romans deutliche Längen, die sich aus den unternommenen pseudophilosophischen Überlegungen und den (im wahrsten Sinne des Wortes) viel zu innerlichen Reisen der Figuren ergeben. Den hervorragenden Figurenzeichnungen vom Anfang des Romans stehen später in hochgradig redundanten Episoden stereotype (und dumme) Charaktere gegenüber, deren viel zu lang ausgebreiteter innerer Zwist, ob sie ihr bisheriges Menschsein einer neuen Existenz opfern sollen, mich nicht zu berühren vermag.
Die für mich akzeptablen wissenschaftlichen Exkurse des Mad Scientist Ulam – die aber einer genaueren Betrachtung durch einen Leser, der sich mit der Materie tatsächlich auskennt, wohl niemals standhalten würden – zeichnen nicht nur Greg Bear als einen Vertreter der Hard Science Fiction aus, sondern erreichen am Ende des Romans aus dem Munde anderer ein Ausmaß, dass man beginnen möchte, einzelne Seiten einfach zu überblättern. Und das ist ziemlich schade – denn die Schilderungen der durch die neuen Konkurrenten der Menschheit hochgradig veränderten Landschaften und Städte, die sich immer wieder dazwischen finden, sind einfach faszinierend. Ich musst dabei an die großartige Schlussszene von Quiet Earth denken.
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf?
Die Frage, die sich Bear in Blutmusik eigentlich stellt: Ob sich die Menschen freiwillig eine neuen Stufe in ihrer Existenz erklimmen (oder herabsteigen?) würden, wird zuletzt für mich unbefriedigend beantwortet. Am Ende wird dem Homo sapiens sapiens durch quatenmechanische und kosmologische Vorgänge eine evolutionäre Veränderung aufgezwungen. Diese soll mit verquast wirkenden pseudowissenschaftlichen Erklärungen, welche zunehmend immer stärker an metaphysische Spekulationen erinnern, glaubwürdig gemacht werden. Bei mir ist das nicht gelungen. Die transhumanistischen vermeintlichen Tiefen des Romans, mit denen das Verwinden der Menschheit einhergeht, entpuppen sich als seine eigentliche Schwäche.
So sehr mich die Figurenzeichnungen zu Beginn des Buches auch von den schriftstellerischen Fähigkeiten Bears überzeugt haben, kann ich doch nicht umhin, auch festzustellen, dass die Figuren, die leider immer erst dann eingeführt werden, wenn der Autor sie gerade benötigt, an keiner Stelle eine Identifikation des Lesers mit den Handelnden zulassen – die Menschen des Romans blieben mir genauso fremd wie die Wesen, die sie beherbergen (bzw. von denen sie selbst später beherbergt werden). Womöglich ist dieses insofern von Bear gewollt, als er uns etwas vor Augen führen will: Die Frage nach den Grenzen einer Wissenschaft, die möglicherweise in der Lage ist, das Wesen der Menschheit gegen ihren Willen zu verändern.
Fazit
Trotz der deutlichen Schwächen des Endes würde ich jedem, der schon ein paar Endzeitromane gelesen hat, Blutmusik empfehlen: Nicht nur, weil das Buch einen so starken Anfang hat und Greg Bear sehr gut schreiben kann, sondern weil der Roman einzigartig fremdartig und merkwürdig ist.









Interessante Buchvorstellung. Werd ich wohl bei meinem nächsten Einkauf drauf zurückkommen.
Gerade die Thematik der “Göttlichen Komödie” von Dante Alighieri, auf die du hier bezug nimmst, finde ich im Zusammenspiel mit dystopischen Werken immerwieder lesenswert. Steve Alten hat dies in seinem Buch “Das Ende” sehr gut hinbekommen.
Und was die Merkwürdigkeit angeht: Ich weiß nicht, ob man soetwas als subjektive Betrachtung ansehen kann. Das merkwürdigste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe war “Flammenalphabet” von Ben Marcus.
Flammenalphabet klingt auch recht merkwürdig – ziemlich phantastisch… die Anspielung auf Dante ist in “Blutmusik” aber kaum vorhanden – höchstens der Name und eine Textstelle, an der die Figur noch einmal möglicherweise als “Führer durch die Innenwelt agiert.
Ich habe ein paar Bücher des Autors gelesen, unter anderem auch Darwin-Virus und Darwin-Kinder, die ich sehr empfehlen kann. Blutmusik fand ich dagegen sehr sehr schräg und eigenartig und weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Lesenswert ist das Buch irgendwie schon, von daher stimme ich der Buchbesprechung und vor allem dem Fazit uneingeschränkt zu.
Auf die beiden Romane bin ich auch schon gespannt. Vor allem, weil Bear offensichtlich gut schreiben kann… *seufz* so viel müsste man noch lesen
die Kurzgeschichte (nach meiner Erinnerung in ein Cyberpunk-Anthologie zu finden) ist weniger langatmig und läuft auf das gleiche Ende hinaus…
Hallo Jonathan,
vielleicht wäre das wirklich die bessere Wahl – in der KG ist das Ende vielleicht auch nicht so arg schwach