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Über die Schrift Theologus autodidactus von Ibn Al-Navis
Ein Artikel von Rob Randall
Wenn man sich literaturgeschichtlich mit Endzeitliteratur beschäftigt, stößt man immer wieder auf den Namen eines Textes, der – so verschiedene Quellen – möglicherweise ein sehr frühes Beispiel des Genres darstellt: Die islamische Schrift Al-Risalah al-Kamiliyyah fil Siera al-Nabawiyyah des arabischen Schriftstellers Ala-al-din abu Al-Hassan Ali ibn Abi-Hazm al-Qarshi al-Dimashqi, die im 13. Jahrhundert entstanden und in der westlichen Welt aus nachvollziehbaren Gründen eher unter dem Titel Theologus autodidactus bekannt geworden ist.
Religiöse Vision oder säkulare Geschichte?
Um sich diesem Text nähern zu können, sind leider einige Vorüberlegungen nötig: Üblicherweise unterscheidet man zwischen religiösen und säkularen Weltuntergangstexten, wobei die religiösen die ältere Form darstellen. Denn beinahe jede Religion besitzt nicht nur einen Weltentstehungsmythos, sondern auch eine Vision von Ende der Welt. Als ein bekanntes Beispiel sei hier nur auf die die Offenbarung des Johannes verwiesen, die vermutlich gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts geschrieben wurde und noch heute Weltuntergangspropheten zu immer neuen Weissagungen inspiriert. Aber natürlich gibt es noch weitaus ältere.
Säkulare Apokalypsen unterscheiden sich von ihren älteren Vorfahren durch ein besonderes auffälliges Merkmal: Während in den religiösen Texten die “Apokalypse” im eigentlichen Sinne des Wortes eine “Enthüllung” der jenseitigen (häufig: göttlichen) Welt ist, deren Zeitalter mit dem Ende des bekannten Daseins anbricht, fehlt dieser Aspekt der Verheißung in den säkularen Weltuntergangstexten (Natürlich endet auch hier die Welt selten tatsächlich – immerhin ließe sich sonst auch schlecht noch eine Geschichte erzählen). Zwei sehr frühe Beispiele hierfür sind Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht aus dem Jahre 1801 und Mary Shelleys gut 25 Jahre später verfasster Roman Verney, der letzte Mensch, denen man aber immer noch die ursprünglich religiöse Herkunft der Endzeitliteratur deutlich anmerken kann. Der Weltuntergang erfolgt in säkularen Texten auch nicht auf Anordnung eines höheren Wesens, sondern ergibt sich aus wissenschaftlich erklärbaren Ursachen – zum Beispiel einer Seuche oder einer ausbrennenden Sonne.
Wozu nun aber diese theoretischen Überlegungen? Nun, Ibn al-Nafis’ Text Theologus Autodidactus musste irgendwie etwas Besonderes sein – denn niemand käme nach der Lektüre der Offenbarung des Johannes auf die Idee, in ihr möglicherweise ein frühes literarisches Beispiel für Science Fiction bzw. dessen üblicherweise vielleicht phantastisches, aber immer säkulares Untergenre der Endzeitliteratur sehen zu wollen, wie es bei al-Navis Schrift der Fall ist.
Im Ansatz gescheitert
Nachdem man Theologus Autodidactus gelesen hat, stellt man fest: Der Text läuft unseren heutigen westlichen Leseerwartungen deutlich zuwider: Ibn al-Navis erzählt zwar eine Geschichte – übrigens eine der frühesten Robinsonaden überhaupt - diese ist jedoch durchaus ein theologischer Text. Denn der Junge, der auf einer abgelegenen Insel “spontan” aus einer durch die Sonne erwärmten zweiten “Ursuppe” entsteht und später von Seefahrern in die bewohnten Regionen Arabiens mitgenommen wird, gelangt alleine aus der genauen Anschauung der Dinge zur Lehre des Islam – und hieraus erklärt sich auch der Titel des Werkes. In drei Abschnitten, die ungefähr 40 Seiten umfassen erklärt der Autor anhand der Erkenntnisse des fiktiven Protagonisten, warum die Welt, die Lehre, der Prophet und selbst die Geschichte des Kalifats so beschaffen ist, wie sie beschaffen ist. Man hat es hier also zwar mit einem fiktionalen Text zu tun, dieser ist aber alles andere als säkular – obwohl er versucht wissenschaftlich zu argumentieren.
Interessant ist dabei, dass Philosoph und Arzt Ibn al-Nafis die zu seiner Zeit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse benutzt, um die islamische Weltsicht und die Lehren des Islams zu untermauern: Und darunter findet sich so Erstaunliches wie die erste medizinische Beschreibung des Pulmonalkreislaufes. Oder eben gegen Ende auch das aus den Beobachtungen des Sonnenlaufs erschlossene Ende der Welt, wie wir sie kennen: Denn nach Ibn al-Nafis empirischen Daten wird die Sonne irgendwann fest im Zenit stehen, so dass es zu katastrophalen klimatischen Veränderungen kommt, in deren Folge, so stellt er in seinem abschließenden vierten Teil des Textes fest, nur noch schmale Bereiche der Landmassen bewohnbar sind. In einigen Gegenden werde es dann zu kalt und in anderen viel zu heiß sein, so dass Wanderungsbewegungen verschiedener Völker einsetzen würden. Er beschreibt hier also eine Apokalypse, die sich aus kosmologischen Gründen ereignet. Aber auch dieser Zustand wird seiner Ansicht nach nur ein Durchgang sein: Denn nachdem sich der Lauf der Sonne wieder normalisiert hat, ziehen die Seelen der Verstorbenen wieder Materie an sich, so dass das im Koran beschriebene Paradies anbrechen kann – womit sich der Text zuletzt nun doch wieder als religiöse Apokalypse erweist, selbst wenn diese mit “wissenschaftlichen” Beobachtungen belegt werden soll.
Fazit
Um in Ibn al-Nafis Text Theologus Autodidactus aufgrund der wissenschaftlichen Beschreibungen einen ersten Science Fiction oder den Anfang der säkularen Endzeitliteratur sehen zu wollen, muss man schon arg die im Vordergrund stehende theologische Intention des Textes ausblenden. Dennoch: Interessant war es durchaus, diesen Text, von dem keine deutsche, aber eine englische Übersetzung im Handel ist, zu lesen – gerade weil er trotz seiner vermeintlich wissenschaftlichen Argumentation so überaus fremdartig wirkt.









Ui, den werde ich mir merken müssen, ich habe Robert Hugh Bensons religiöse Ansichten ohne Schaden überstanden, dann werde ich auch al-Nafis packen
Das ist aber kein literarischer Text in unserem heutigen (engen) Sinne… so mit spannendem Plot oder so…