Hans Wörner: Wir fanden Menschen

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Rezension zu Hans Wörners Roman Wir fanden Menschen

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Der Verriss ist eine so dankbare Aufgabe: Der Rezensent darf sich höchst entschieden geben, er kann mit spitzen Seitenhieben sowie überlegenem Wissen brillieren, seinem während der Lektüre stetig gewachsenen Unwillen Ausdruck verleihen und ist sich dabei stets dankbarer Leser gewiss – gleich, ob sein Text dem Roman gerecht wird oder nicht.

Hans Wörners frühe literarische Verarbeitung der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki Wir fanden Menschen aus dem Jahr 1948 ist so ein Text, der sich hierfür geradezu anbietet – schon während man ihn liest, sammeln sich Sätze – nicht nur die eigenen, sondern auch zahlreiche aus dem Text selbst – die man dem Autor, wenn er denn dann nicht schon 1963 gestorben wäre, um die Ohren hauen möchte.

Einer davon wäre z.B. die Feststellung, dass der Autor es sich mit einer Erkundungsfahrt dreier Kundschafter durch ein von einer Atombombenexplosion verstrahltes Land recht leicht mit dem Plot gemacht hat – der Spannungsbogen dieser Abenteuergeschichte aber trotzdem nur hin und wieder leichte Wellen schlägt, wenn die merkwürdig sentimentalen Helden sich gegen die verwahrlosten und vertierten Überlebenden des namenlosen Landes zur Wehr setzen müssen, die letzten Wesen mit Umgangsformen zu retten oder das Geheimnis der Vorgängerexpedition zu lösen versuchen.

Man könnte genussvoll den Erkenntnisprozess entfalten, dass sich die sprachlichen Merkmale des Textes nicht aus dem Alter des Romans oder dialektalen Einschüssen erklären lassen, sondern tatsächlich Beispiel einer gräuseligen Schreibe sind, die nicht selten sogar ungrammatisch gerät:

Es kommt mehr darauf an, dass ich Sie möglichst weit höre, als sie mich, sagte Peter.

Und es wäre vermutlich eine Frage der Selbstdisziplin, inwieweit sich der Rezensent einen Hinweis darauf ersparen könnte, dass Wörner als ehemaliger Chefredakteur der immer noch existierenden Braunschweiger Zeitung seinen Roman offensichtlich im bekannten Stil des Hauses geschrieben habe. Verzichten könnte man angesichts einer so boshaften Bemerkung mit sympathischem Lokalcolorit auch auf differenziertere Feststellungen – jener, dass der Stil des Autors sich den Anschein gibt, als orientiere er sich immer noch stark an jenem des berühmten Hans Dominik, der ebenso wie Wörner einen journalistischen Hintergrund besaß und ebenfalls dazu neigte, unbefriedigende schnelle Skizzierungen literarischer Qualität vorzuziehen:

Um acht Uhr fuhr Naul jenseits der Grenze der Anlage… er schaltete sie ab… Er fuhr langsamer… Er näherte sich jetzt der Stadt… Neben ihm der zitternde Mann… Die ersten Häuser… leer… tot… Naul fuhr wenig mehr als Schritt… “Nicht zu weit…”, bat Dr. Salvo. Dort eine Litfasssäule, gegen die ein leergebranntes Auto lehnte… auf der Höhe der Säule eine dunkle Toreinfahrt… Naul stoppte… Er drängte den Wagen rückwärts in die Toreinfahrt… glitt aus dem Sitz… half dem Arzt… spürte seine flatternde Hand…

Die Auslassungspunkte, so müsste man dann feststellen, seien sowohl Wörners als auch Hans Dominiks liebste Satzendzeichen – und Wörner wohl schriftstellerisch längst noch nicht den Anfängen der deutschen Science Fiction in der Weimarer Republik entwachsen. Deshalb könne sich der Text auch nicht mit Romanen aus dem englischsprachigen Raum seiner Zeit messen, die zudem noch stark unsere heutigen Erwartungshaltungen geprägt haben.

Bei einem solchen Vergleich übersähe man aber aber, dass Wörner – im Gegensatz zu den amerikanischen SF-Romanen der 40er und 50er Jahre, die sich mit dem Thema der Atombombe auseinandersetzen – immerhin einen Text mit politischem Anspruch sowie einer deutlichen Aussage über die Gefahren eines drohenden nuklearen Wettrüstens und der womöglich unkontrollierbaren Technik verfasst hat: 1948. Das klingt nicht nur früh, das ist es auch. Legte man Schoonovers Roman Der Rote Regen aus den 50er Jahren neben Wörners Wir fanden Menschen aus den 40ern, würde sich immerhin ergeben, dass er wenigstens weder den Atomkrieg verharmlost, noch in diesem Zuge weißhaarige Mutanten auf die ahnungslose Menschheit loslässt.

Dass die hin und wieder durchaus bedrückenden Bilder in seichte Sentimentalität und zu deutlich gewollte Tiefgründigkeit abrutschen, ließe sich im Vergleich mit anderer zeitgenössischer Literatur also durchaus verzeihen – selbst Nevil Shutes berühmter Roman Das letzte Ufer aus dem Jahr 1958, in dem sich ebenfalls eine Expedition in verstrahlte Gebiete aufmacht, zeichnet sich ja hierdurch aus. So änderten sich, müsste der Rezensent zuletzt feststellen, die Vorlieben der literarisch interessierten breiten Masse.

Fazit

Hans Wörners postapokalyptischer Abenteuerroman bietet dem Rezensenten genügend Anlässe, ihn genüßlich  in der Luft zu zerreißen – und des bedarf schon einiger Anstrengungen, dem Roman auch heute noch positive Seiten abzugewinnen.

Schon 3 Kommentare zu: Hans Wörner: Wir fanden Menschen

  1. Pingback: Dystopische Lit. (@dystopia_blog)

  2. Du hast das Buch überhaupt nicht verstanden oder aber bist nicht in der Lage Zusammenhänge emotional zu erfassen; genausowenig wie du – oder irgendjemand anderes – in der Lage ist, die “Vorlieben der literarisch interessierten breiten Masse” einzuschätzen, aber Hauptsache mal dick aufgetragen!

    Es ging übrigens in dem Buch nirgendwo um die Gefahren durch ein nukleares Wettrüsten (wenn dann konkret nur um die Atombombe an sich) sondern vor allem um Menschen in extremen Lebenslagen.

    Versuchs mal mit weniger Fixierung auf Stil und mehr auf Inhalte; die Wörter sind nicht nur zum analytischen Hangeln von Satz zu Satz da.

    • Hallo Dystopier, willkommen auf DystopischeLiteratur und danke für deine Kritik,
      zu den Aussagen über meine Person äußere ich mich mal nicht – könnte ich auch gar nicht, ohne bloße Gegenbehauptungen aufzustellen. Zu den anderen Punkten:

      Zu den Gefahren eines Wettrüstens äußert sich Wörtner durchaus – zumindest habe ich diese Textstelle, die sich gegen Ende des Romans findet, so verstanden:

      Es soll ein Unglück gewesen sein… Aber es war damals eine spannungsreiche Zeit. Jeder fühlte sich bedroht und jeder war bemüht, möglichst gefährliche Waffen zu entwickeln. Jeder hüteten seine Fertigung, aber jeder ließ durchblicken, er sei schon sehr weit damit…Alle hetzten die Forscher, die vielleicht nur einen einzigen Fehler machten

      (Diesmal stammen die Auslassungspunkte übrigens ausnahmsweise von mir.) Ich gebe dir aber recht, dass das Buch VOR ALLEM beschreibt, wie schnell der Mensch seine zivilisatorische “Hülle” ablegt, angesichts der Tatsache, dass Wörner das gebetsmühlenartig auf jeder zweiten Seite immer wieder durchbuchstabiert, lässt sich das schlechtdings nicht übersehen – und dieser Aspekt kommt in der Rezension zu kurz.

      Versuchs mal mit weniger Fixierung auf Stil und mehr auf Inhalte; die Wörter sind nicht nur zum analytischen Hangeln von Satz zu Satz da.

      Wieso analytisches Hangeln? Genießen möchte ich auch die Sprache (oder zumindest mich nicht ständig darüber ärgern müssen) – und die kann man leider nicht ausblenden. Wenn der Inhalt und der Plot sehr gut, sehr spannend, sehr erhellend wären, dann könnte man ja noch abwägen… aber so?