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Die Messlatte am Ende des Universums: Rezension zu Myra Çakans Kurzgeschichtensammlung Nachtbrenner
Eine Buchbesprechung von Michael
Wenn sich im Vorwort zu einer Kurzgeschichten-Sammlung ein Joachim Körber (als Übersetzer immerhin lange Zeit die “deutsche Stimme” von Stephen King und damit jemand, der ganz offensichtlich weiß, wovon er spricht) zu Superlativen wie “ganz große Science Fiction, ganz große Literatur” hinreißen lässt und im gleichen Atemzug Vergleiche mit literarischen Giganten wie Philip K. Dick ins Feld führt, dann ist meine Erwartungshaltung an ein solches Buch naturgemäß entsprechend hoch. Selbst dann, wenn ein wenig Recherche zutage fördert, dass Herr Körber selbst einen Kleinverlag betreibt, in dem “Nachtbrenner” erscheinen wird. Klappern gehört zum (Werbe)-Handwerk und stört mich solange nicht, bis die Kluft zwischen Werbetrommel und Produkt allzu groß wird.
Myra Çakan (Autorin und freischaffende Künstlerin) vereint in Nachtbrenner zahlreiche Kurzgeschichten mit dystopischen Background bzw. Cyberpunk-Anleihen, entstanden zwischen 1990 und 2004. Als Bonbon findet sich in der Sammlung zudem noch das Manuskript zur Hörspiel-Fassung der Titelgeschichte – für Komplettisten und Kenner der Hörspiele aus der Feder Myra Cakans sicher interessant. Und thematisch findet sich hier querbeet auch zuerst einmal all das wieder, was man als Fan des Genres wie ein Schwamm aufsaugen wird – müllige Städte im hintersten Winkel der Galaxis, Raumstationen mit dunklen Geheimnissen, mutierte Babys, Cyber-Drogen. Der Einstieg in jede Story ist stets flott, der Ausdruck locker. Eine gewisse Sogwirkung kann man den Geschichten insbesondere in den ersten Sätzen wirklich nicht absprechen. Zudem hatte ich bei fast allen Stories sofort irrlichternd Bilder aus Hollywood-ScienceFiction-Filmen im Kopf – was also kann da noch schief gehen? Leider eine Menge … .
Will the real Philip K. Dick please stand up?
Eine gute Kurzgeschichte ist große Kunst. Das ist eine Welt, eingedampft auf eine überschaubare Anzahl von Seiten. Da werden Bilder in deinem Kopf gemalt und Tore aufgestoßen. Eine gute Kurzgeschichte darf dich auch allein lassen, dann aber mit einem Knall; sie darf dir den Teppich unter den Füßen wegreißen oder dich in den Magen boxen, mit Schwung. In den Geschichten von Myra Çakan hingegen wird viel aus der Ich-Perspektive erzählt, sehr viel gedacht, aber so gut wie nichts beschrieben. Die erwähnten Assoziationen mit Hollywood-Produktionen resultieren aus den überaus spärlich gesäten Hinweisen zu den Örtlichkeiten – zeitweise hatte ich den Eindruck, mein Hirn würde fieberhaft alles aus etwa 20 Jahren SciFi-Kino-Konsums Hängengebliebene nach Standbildern abgrasen, um überhaupt irgendwelche Kulissen zu haben. Wie eine etwas jüngere Leserschaft ohne entsprechende cineastische Früherziehung mit diesem Problem umgeht, würde mich interessieren. Aber es fehlt nicht nur am WO, es fehlt auch am WORÜBER. Denn kaum eine der Geschichten hat einen wirklichen Plot. Tatsächlich würde ich behaupten, dass Geschichten wie beispielsweise Hinter der Biegung des Flusses von gar nichts handeln. Auslassungen als Stilmittel in allen Ehren – ich lasse mich als Leser auch gerne zum Selberdenken anregen, aber das gelingt bestimmt nicht nur dadurch, dass man mich einfach in einen Haufen Halbsätze schubst, welche allenfalls relbstreferenziell ins Nichts mäandern. Da findige Menschen mir nun vielleicht entgegnen werden, dass sich bei intensiven Rotwein-Gesprächen im Lesekreis Brunsbüttel SELBSTVERSTÄNDLICH hier und da Hinweise auf eine Handlung finden ließen, hier eine kleine Zusammenfassung, was ich mit einigen Mühen aus den jeweiligen Kurzgeschichten mitgenommen habe (keine Angst, es reicht noch nicht mal für anständiges Spoilern):
Zufällige Weggefährten: Musiker-Wehmut in endzeitlicher Welt, jedoch ohne echte Höhepunkte und auch ohne Endzeit. Dafür mit höchst ärgerlichen Zeitsprüngen.
Echtzeit: Irgendwer schmuggelt mit schnellem Gefährt irgendetwas für irgendwen. Es hat Greifer. Einzig die wiederholte Erwähnung des Roadrunners lässt irgendwo MadMax erahnen, und dann ist auch schon Schluss.
Fremde Schatten: Möglicherweise hatte es etwas mit einer von einem außerirdischen Zombie-/Vampirvirus befallenen Protagonistin zu tun. Man übergibt sich in abseitigen Gassen einer Stadt, die durchaus unter Umständen wie bei BladeRunner aussehen könnte.
Hinter der Biegung des Flusses: Diese Story schlägt in Sachen vager Andeutungen alles. Ich wähnte Indianer, eine endzeitliche Prozession und mutierte Babys, wahrscheinlich als Spätfolge einer atomaren Katastrophe. Man weiß es nicht, man erfährt nichts.
Nachtbrenner: StarshipTroopers meets BattlestarGalactica neueren Datums meets 2001. Eine Frau denkt sich durch die Geschichte. Alles arbeitet auf ein Aha-Erlebnis, eine Pointe hin, diese bleibt aber aus. Man kann mir unterstellen, dass ich es auch einfach nur nicht verstanden habe.
Im Netz der Silberspinne: Drogen, möglicherweise in Verbindung mit VirtualReality. Weiß der Kuckuck. “Es gab ihm Macht und eine gewisse Art von Kontrolle, die er oft schon verloren wähnte, in diesen dunklen, sumpfweichen Stunden der Zwischenzeit”. Und nachts ist kälter als draußen.
Downtown Blues: Im Shadowrun-Universum hat es ein nicht näher beschriebenes Sportereignis, plus Ausschreitungen. Ein Mord ist geschehen, zwei Cops ermitteln. Sie lösen erwartungsgemäß weder den Fall noch die Handlung auf, finden aber zu Schach und zueinander. Ein heilloses Durcheinander.
Mickey and Mallory: VirtualReality und deutsches Konsumgüter-Name-Dropping. Ein Hauch Bonny-und-Clyde. BladeRunner wird erwähnt und eifrig zitiert. Zudem die gute alte Euro-Palette. Und wenn literarisch gar nichts mehr geht, wird mal eben eine Frau mit einem Gewehrlauf vergewaltigt.
Callista: Die (natürlich) beste Kopfgeldjägerin weit und breit beschattet auf dem Mars einen mysteriösen Neuankömmling. Relativ schnell ein Perspektivenwechsel, dann wieder die nur vage Andeutung einer Planeten-umspannenden Verschwörung. Die obligatorische Nichtauflösung “rundet” die an TotalRecall gemahnende Story wie gewohnt ab.
Nachtschicht: Zitat: “Man sagt, Heim ist wo das Herz ist”. Nein, sagt man nicht. Man sagt entweder “home is where the heart is”, oder man übersetzt es in echtes Deutsch. Ärgerlicher Einstieg in eine Story irgendwo zwischen Robocop-Cops und Designerdrogen.
Das kalte Licht der Sterne: Raumstation kaputt, der letzte macht das Licht aus. Die beste Geschichte der Sammlung, weil hier der abgehackte, nur grob andeutende Stil aufgrund des Tagebuch-Eintrag-Charakters der Erzählung tatsächlich einmal passt. Leider bleibt das Problem der Ideenlosigkeit, dem Thema kann nichts Neues hinzugefügt werden.
Fazit
Nachtbrenner wirkt an jeder Stelle wie das Notizbuch eines Schriftstellers, jedoch nie wie ein fertiges Stück Literatur. Mit grobem Strich sind Ort, Handlung und Personen einzelner Ideen anskizziert – und diese durchaus interessanten Versatzstücke harren nur darauf, ausgearbeitet und ausformuliert zu werden. Ich möchte wetten, dass im Prinzip jede dieser Ideen das Zeug zu einem wirklich guten SciFi-Roman oder zumindest einer runden Kurzgeschichte hätte. Statt dessen aber bekommt man ein ärgerliches fragmentarisches Wirrwarr serviert, stilistisch irgendwo zwischen “gewagt” und “gewollt”. Und das bislang als Cover präsentierte Titelmotiv tut dann sein übriges, diesen unfertigen Eindruck noch zu verstärken. Für mutige 45 Euro, die der Herausgeber für die gebundene Ausgabe zu veranschlagen gedenkt, ist DAS definitiv zu wenig.
Eine weitere und kurze Rezension von Nachtbrenner findet sich auf Lovelybooks.








