Robert Merle: Die geschützten Männer

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“Er weiß nicht, wie altmodisch er bereits ist*:

Bemerkungen über Robert Merles Die geschützten Männer

Eine Buchbesprechung von Stefan Cimander

Merle - Die geschützten MännerRalph Martinelli, Neurologe und italienischer Abstammung, entdeckt mit Enzephalitis 16 einen Erreger, der  als Epidemie alle zeugungsfähigen Männer dahinrafft. Wegen des laufenden amerikanischen Präsidenschaftswahlkampfes, findet er bei den zuständigen Stellen wenig Gehör, zu groß ist die Furcht, vor negativen Auswirkungen auf das Abschneiden des Präsidenten. Lange lässt sich die Existenz der Seuche jedoch nicht vertuschen, ihr Öffentlichwerden geht einher mit einschneidenden Veränderungen, hervorgerufen durch die wie Eintagsfliegen sterbenden Männer, zu denen bald auch der wiedergewählte Präsident zählt. Seine feministische und sich offen als homosexuell bekennende Vizepräsidentin Sarah Bedford errichtet unter dem Eindruck des Ausnahmezustandes mithilfe des inzwischen nahezu weiblichen Repräsentantenhauses und Senats eine feministisch-matriarchalische Diktatur. Einziges Mittel, um nicht von der Seuche dahingerafft zu werden, ist die Kastration der Männer.

Ralph Martinelli und einige andere Nichtinfizierte, die sogenannten Protected Man, finden sich in einem komfortablen aber KZ-ähnlichen, streng überwachten und hermetisch abgeriegelten Lager namens Blueville wieder, in dem verschiedene medizinische Forschergruppen nach Lösungen für die Krise suchen sollen. Offiziell betreibt der Pharmakonzern Helsingforth das Lager, der allerdings unter finanziellen Aspekten von der amerikanischen Regierung abhängig ist. Martinellis Aufgabe ist die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Enzephalitis 16. Das Lager selbst ist ein Kastensystem: An der Spitze stehen die Frauen, gefolgt von den As – das sind die kastrierten Männer -, dann kommen die Protected Man, die de jure rechtlos am Grunde der Hierarchie stehen.

Während seiner Zeit im Lager kommt Martinelli in Kontakt mit einer feministischen, aber Anti-Bedfordistischen Widerstandsgruppe, den Wir. Sie kommen dahinter, dass Helga Helsingforth nach der Fertigstellung des Impfstoffes kein Interesse an einer Verwertung, also Impfung der männlichen Bevölkerung hat. Inzwischen hat die fanatische Präsidentin Bedford eine totalitäre, feministisch-matriarchalische, auf dem Hass auf Männer basierende, rassistische Herrschaft errichtet und die Beziehung zwischen Mann und Frau faktisch verboten. Mit Nachdruck verfolgt sie als Ziel die Ausrottung der männlichen Bevölkerung. Hier kommen zwei andere Forschergruppen in Blueville ins Spiel. Eine arbeitet an der Klontechnologie, eine andere soll den oralen Wirkstoff, der zur Kastration der Männer eingesetzt wird, derart verbessern, dass er auch unbemerkt einsetzbar ist. Erst durch das Wir erfährt Martinelli das wahre Ausmaß der Bedford’schen Herrschaft, ihrer Ziele und die Implikationen für die Weltordnung.

Mit Nachdruck forscht Martinelli an dem Serum, unterstützt von den Wir, die nach und nach das Lager unterwandern und Spitzel der Regierung “liquidieren”. Ausgerechnet in seiner stärksten Widersacherin im Labor, Burage, entdeckt Martinelli eine Verbündete, zu der er sich auch sexuell hingezogen fühlt. Nach Fertigstellung des Wirkstoffs fliehen Martinelli, sein Sohn Dave, Burage und Jackie, Befehlshaberin der das Lager beschützenden Milizionärinnen, nach Kanada. Die Enthüllungen über Bedfords Handeln führen zum Zusammenbruch ihrer Herrschaft, die allerdings nicht zu einem status quo ante führt, sondern eine gemäßigte matriarchalische Regierungsform hervorbringt, in der der Mann keine tragende Rolle mehr spielt.

Kritische Auseinandersetzung mit dem Feminismus

Robert Merles “Die geschützten Männer” ist ein zweischichtiges Buch, das sich auf der einen Seite als satirische und böswillige Auseinandersetzung mit dem Feminismus der 1970er Jahre und dessen überzogener, teilweise totalitärer Vorstellungen über das Zusammenleben und Herrschaft befasst, das auf der anderen Seite deutliche Kritik an der patriarchalen Gesellschaftsordnung übt.

In Form eines Berichts abgefasst – der Leser braucht einige Seiten, um sich an den Stil und die Zeitsprünge zwischen den Absätzen zu gewöhnen – beschreibt Martinelli aus der Position des Außenseiters die Innensicht der Diktatur, ohne zunächst zu wissen, dass es eine Diktatur ist.

Für jede Herrschafts- und Gesellschaftsordnung, egal ob patriarchal oder matriarchal, ist der Machterhalt das tragende Leitmotiv. Indem Merle die Geschlechterverhältnisse umkehrt, das starke ist das schwache, und das schwache das starke Geschlecht, entzaubert er die radikalen Absichten des Feminismus als nicht weniger totalitär, als die der vorangegangenen Unrechtsregime, wenn die Ideologie auf der einseitigen Ablehnung und Diskriminierung einer Gesellschafsgruppe basiert. Im Buch selbst zieht ein Protagonist jüdischer Glaubensrichtung einen Vergleich zur NS-Herrschaft bzw. Martinelli zur Situation der Schwarzen Bevölkerung in den USA der 1960er Jahre. Indem Merle die Maßnahmen der feministischen Herrschaft auf die Spitze treibt, zeigt er, wie Unterdrückungsmechanismen funktionieren – egal ob von männlicher oder weiblicher Seite ausgehend. Eine Diktatur bleibt eine Diktatur, egal wer sie anführt.

Der radikalen, herrschenden Form des Feminismus stellt Merle mit den Wir eine gemäßigte Prägung gegenüber, die zum Ziel hat, die kulturell bedingte Unterdrückung der Frau zu überkommen und ein Korrektiv zur patriarchalen gesellschaftlichen Färbung zu bilden. Letztlich läuft seine Utopie auf eine Gesellschaftsordnung hinaus, in welcher der Mann für die Kinder keine Verantwortung mehr übernehmen muss, und er seine Daseinsberechtigung bloß für Zwecke der menschlichen Reproduktion inne hat. Umgekehrt hat die Frau keine Ansprüche an den Mann. Männer sind in der neuen Ordnung, das, was Frauen in der männlich geprägten Ordnung waren: Objekte und Quotenmänner.

Nebenbei bemerkt Merle, dass auch eine feministische, männerfreie Gesellschaft nicht ohne den Dualismus eines starken und eines schwachen Beziehungsteil auskommt. Er beschreibt dies im Buch mit dem Begriff der sich herausbildenden “Supermännlichkeit”, die einige Frauen entwickeln. Beispielhaft erzählt er diese Beziehung am Verhältnis der dominanten, selbstbewussten Helsingforth zu ihrer schwachen, wenig durchsetzungsfähigen Lebenspartnerin Audrey.

Indem der Mann erfährt, wie es ist, selbst das schwache Geschlecht zu sein, und von Frauen aus sexuellen Bedürfnissen heraus “entführt” zu werden, hält Merle den Männern den Spiegel vor, auch wenn der Gedanke der Aufhebung der Monogamie und des fast ungezügelten sexuellen Zusammenlebens vielen Männern gefallen dürfte. Merles Darstellung ist ein Plädoyer für die faktische Gleichheit der Geschlechter.

Dem radikalen Feminismus hält Merle entgegen, dass die Beziehung der Geschlechter, evolutionär bedingt, mit allen ihren subtilen Signalen und menschlichem Handeln, zutiefst sexuell motiviert ist, und sich diese Signale nicht einfach per Gesetz außer Kraft setzen lassen. Die Schilderung des Widerstreits zwischen erzwungener, zwischenmenschlicher Neutralität und natürlichem Trieb, gelingt Merle überzeugend.

Als männlicher Leser mag man sich zu gerne mit dem gut aussehenden, italienischen und von Frauen begehrten Wissenschaftler identifizieren und ihn ob seiner Gelegenheiten für Sex mit vielen, attraktiven Frauen beneiden, doch die Realität steht dem entgegen. Allerdings erkennt man sich als Mann selbst in gewisser Hinsicht in Martinelli wieder, denn Frauen sieht Mann immer zuerst aus sexueller Perspektive.

*Ralph Martinelli über seinen Sohn in der neuen, kontrasexuellen und matriarchalischen Gesellschaftsordnung (S. 139).

Schon 2 Kommentare zu: Robert Merle: Die geschützten Männer

  1. Danke für die interessante Buchvorstellung, das hier dümpelt schon seit Jahren auf meinem Wunschzettel rum. Jetzt sehe ich mich endlich zum Kaufen motiviert :-)

  2. @Friedelchen Das Buch ist derzeit nur noch antiquarisch erhältlich – entsprechend sah leider mein kürzlich erworbenes Exemplar aus. Hauptsache ist aber, dass es noch lesbar war! :-)