Freder van Holk: Weltuntergang

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Eine Weltreise nach der Katastrophe: Rezension zu Freder van Holks Weltuntergang

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

van Holk - WeltuntergangDer Name Freder von Holk dürfte den meisten von uns heute nichts mehr sagen. Hinter diesen Pseudonym verbirgt sich aber niemand anderes als Paul Alfred Müller, der in den 30er Jahren mit Sun Koh eine äußerst beliebte – und auch heute noch von vielen gelesene – Fantasy-Heftreihe schuf. Nach dem Krieg verfasste Paul Alfred Müller unter verschiedenen Pseudonymen Romane – von denen eine ganze Reihe bei Verlagen erschien, die für die in den 50er und 60er Jahren sehr verbreiteten kommerziellen Leihbüchereien produzierten. Auch Weltuntergang ist ein solcher Text, der für eine breite Leserschaft gedacht war, die sich jenseits des Angebotes der öffentlichen Bibliotheken für Unterhaltungsliteratur begeistern konnte, die oft im Ruf stand, anspruchs- und qualitätslos zu sein  (weitere Hintergrundinformationen hierzu finden sich auf der tollen Seite SF-Leihbuch, von der auch der Coverscan stammt).

Eine attraktive Mischung

Tatsächlich ist Weltuntergang auch aus heutiger Sicht weder ein besonders tiefgründiger noch besonders guter Roman – wenn er auch in seiner Orientierung auf die Zielgruppe hin technisch sicherlich nicht schlecht gemacht ist: Müller bietet seinen Lesern eine Mischung aus Exotik, Abenteuer, Liebe, Eifersucht und nicht zuletzt: jener zahllosen Sensationen, die ein vermeintlicher Weltuntergang so mit sich bringt.

Auf der tropischen Insel Tolaua ist gerade ein amerikanisches Forscherteam mit astronomischen Untersuchungen beschäftigt, als offenbar der Mond aus seiner Umlaufbahn gerät und mit der Erde kollidiert. Es überleben die anschließenden Erdbeben und Tsunamis der “Weißen” nur drei: Der Pilot Alan Jons, der Millionär Curl Arlington sowie Eve Howe, in welche die beiden Männer natürlich unsterblich verliebt sind und die – der Name deutet es schon an – Stammmutter eines neuen Volkes werden soll. Dementsprechend setzen die eifersüchtelnden Rivalen ihre bissigen Hahnenkämpfe auch noch nach der Katastrophe und an Bord ihres atomar angetriebenen pfeilartigen Flugzeuges mit Stummelflügeln fort, mit dem sie sich auf eine “Erkundungstour” rund um den Globus begeben (Keine Angst – im Gegensatz zum seinerzeit gerade im Test befindlichen Starfighter ist dieses offenbar ein äußerst verlässliches Stück Technik). Und man ahnt es schon: Einer der beiden wird den Roman und die äußerst deprimierende Reise nicht überleben. Zuvor beweisen sie aber nicht nur, dass sie beide ganze Kerle sind, sondern auch, dass Männer in der Not doch zu “Kameraden” werden. Das dürfte bei der breiten Leserschaft der 50er Jahre erst recht angekommen sein.

Die zweite Katastrophe

Der Irrflug über alle Kontinent offenbart das ganze Ausmaß des Verhängnisses: Große Teile der U.S.A. und Europas sind unter den Meeresspiegel abgesunken, Vulkane und neue Kontinente dafür emporgestiegen. Aber selbst dort, wo die Bevölkerung weitgehend verschont geblieben ist, können die Helden, die sich nun schon auf der Suche nach einer neuen Heimat befinden, nicht bleiben; denn die indigenen Völker haben die Fesseln ihrer Kolonialherren und westlichen Vormünder abgeworfen. Während in Salt Lake City religiöse Fanatiker alle technischen Geräte zerstören, in Cheyenne eine Militärdiktatur errichtet wird und in München die Menschen einem langsamen Dahinsiechen entgegensehen, haben in China und Südafrika aufgebrachte Menschenmengen alle “Weißen” gelyncht. Der Weltuntergang ist hier tatsächlich, wie auch Hans Krah feststellt, vornehmlich einer der westlichen Kultur, die hier mit “den Weißen” gleichgesetzt wird:

Eine Katastrophe ist unter dieser Prämisse bereits dann global, wenn die weiße Zivilisation untergeht, bzw. anders formuliert, das Denken ist nicht von Globalität an sich geprägt, sondern von einem St.-Florians-Prinzip. Dieses Denken gilt nicht nur vor 1945, auch und gerade in den 50er Jahren ist es virulent (1).

Bemerkenswert erscheint über diese Feststellung hinaus, dass Paul Alfred Müller hier den Untergang der “Weißen” mit mythologischen Konzepten koppelt, die innerhalb des Romanes nahelegen, dass der Untergang einem “kosmologischen Prinzip” folgt, das sich einem rationalen und wissenschaftlichem Zugriff entzieht: Denn kurz nach dem Zusammenstoß von Erde und ihrem Begleiter steht nicht nur ein neuer Mond am nächtlichen Himmel, sondern die drei Überlebenden entdecken auf einer Südseeinsel ein merkwürdiges blauhäutiges Menschenpaar, das den erneuten Beginn der zivilisatorischen Entwicklung einer “Rasse” ankündigt. Jene sieht, so machen die letzten Seiten des Textes deutlich, einer vielversprechenden Zukunft entgegen – wenn auch die angedeutete Erfolgsgeschichte der chinesischen Kultur darauf schließen lässt, dass ihr in dieser eine starke Konkurrenz erwächst – womit wohl übrigens wieder einmal das Schreckgespenst der “Gelben Gefahr” den Leser erschauern lassen soll. Das Schicksal Europas und  - nun schon in viel stärkerem Maße als in den Romanen zuvor – der U.S.A. werden dabei von den Figuren explizit in die Nähe von jenem der “atlantischen Kultur” gerückt. Müller, der sich lange für die Hohlwelttheorie begeistert hat, verzichtet in Weltuntergang also nicht auf die Verarbeitung von pseudowissenschaftlichen Theorien – diese Neigung stellte übrigens auch den Grund dar, warum er seinerzeit nicht weiter an der Entstehung der Perry-Rhodan-Welt mitarbeiten “durfte”.

Angesichts der hier vorgenommenen Verbindung von kosmologischen “Gesetzen” mit Untergängen von Kulturen  - und angesichts der Frequenz, mit der immer wieder Kulturen und staatliche Gebilde mit ethnischen Entitäten gleichgesetzt werden, kann den empfindsamen Leser von heute des öfteren ein nervöses Augenzucken befallen; 1945 war eben doch nicht die “Stunde Null” – bekannte Denktraditionen aus den Jahrzehnten zuvor scheinen doch immer wieder auf. Wohlgemerkt: Die Abwertung von nichteuropäischen Völkern durch einzelne Protagonisten wird dabei immer sehr deutlich und politisch korrekt im Roman als ‘negativ’ markiert – wenn auch die letztendliche “Verschmelzung” der “weißen Eva” und des “weißen Adams” mit den Insulanern von Tolaua am Ende des Romans manchem zeitgenössischen Leser vielleicht zu weit gegangen und den Leseerwartungen zuwider gelaufen sein dürfte.

Fazit

Angesichts des oben ausgemachten zentralen Themas von Weltuntergang überrascht es nicht, dass der Plot Schaden nimmt: Die Stippvisiten auf den Kontinenten reihen sich zum Zwecke der Darstellung der “Ablösung” der “weißen” Kultur zu einer kaleidoskopartigen Zusammenschau der Umwälzungen. Jenseits der sich wiederholenden abenteuerhaften Episoden halten nur die immer wiederkehrenden Eifersüchteleien und Streitereien innerhalb der Dreiecksbeziehung den Roman zusammen. Müller verzichtet dabei übrigens auch nicht darauf, höchst unwahrscheinliche Treffen zwischen Familienangehörigen in fernen Inselwelten zu arrangieren, um die Handlung doch noch interessanter zu gestalten – und macht es sich damit letztendlich viel zu einfach. Interessant ist der Roman deshalb auch weniger aufgrund seiner Schreibe, als vielmehr wegen seiner sehr deutlichen 50er-Jahre-Denke – gleich, ob diese von Autor nun kritisch reflektiert wird oder nicht.

(1) Hans Krah: Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe: Narrationen vom Ende in Literatur und Film 1945–1990, Kiel, 2004, S. 85.

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