Sergej Antonow: Im Tunnel

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Anarcho-Kommunismus im Tunnel: Rezension von Sergej Antonows Roman Im Tunnel

Eine Buchbesprechung von Stefan Cimander

Antonow - Im TunnelMit Metro 2033 kreierte der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky nicht nur eine faszinierende Endzeitwelt, sondern setzte eine Grundidee für ein durchgängiges literarisches Universum, in dem inzwischen 24 Bücher von mehreren russischen Autoren, einem britischen und einem italienischen Schriftsteller erschienen sind. Sergej Antonows Im Tunnel ist die neueste in deutscher Sprache publizierte Geschichte, die – wie Glukhovskys Bücher – ihren Handlungsmittelpunkt in der Moskauer Metro hat.

Überleben im größten Luftschutzbunker der Welt

Die Welt im Jahre 2033 ist durch die Folgen eines verheerenden, mit Atom-, Bio- und Chemiewaffen geführten Krieges gezeichnet. Die Überlebenden dieser Apokalypse fristen ihr Dasein in den tiefliegenden Tunnels der Moskauer U-Bahn, die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zum größten Luftschutzbunker der Welt ausgebaut wurde und im Metro 2033-Universum zum Schauplatz einer Anti-Utopie wird, die sich, was das Gebaren der Menschen anbelangt, nur wenig vom präapokalyptischen Leben unterscheidet. Die Oberfläche haben monströse Wesen erobert, die eine ständige Gefahr für die Bewohner der Metro darstellen. Gleichwohl bergen die ausgedehnten Tunnel der Metro ebenso Gefahren – menschliche wie nicht-menschliche.

Genetik als perfekte Waffe

Eine Veränderung des Machtgefüges bedroht den prekären Frieden in der Metro. Die Rote Linie strebt nach der Hegemonie im Moskauer Untergrund. In die Tat umsetzen wollen die Kommunisten ihren Plan mit Unterstützung des Wissenschaftlers Korbut, dem es gelungen ist, Menschen kraft eines Virus umzuprogrammieren. Infolgedessen ist nicht nur ein Leben an der verseuchten Oberfläche möglich, sondern die Kämpfer erlangen eine Beinahe-Unverwundbarkeit und sind drohnengleich steuerbar.

Die Rettung der Metro-Zivilisation

Anatoli „Tolik“ Tomski, junger Kämpfer von der Woikowskaja, der Heimatstation der Anarchisten, führt einen Trupp bewährter Kämpfer an, mit der Order, die von Korbuts Schöpfung ausgehende Gefahr zu neutralisieren. Sie geraten allerdings in einen findig gestellten Hinterhalt und landen als Versuchstiere in Korbuts Labor. Tolik zeigt nicht die gewünschten Verwandlungen. Er überlebt eine versuchte Exekution und schlägt sich, für tot gehalten, in die Metro zurück. Dort erhält er Unterstützung und neue Gefährten, indessen macht er Bekanntschaft mit den Satanisten, den Mutanten, den Faschisten und neuen, unfassbaren Gefahren. Letztlich gelingt es Tolik seine ursprüngliche Mission zu erfüllen.

Zwischen Theorie und Wirklichkeit

Sein Tun und Handeln reflektiert Tolik indem er häufig Vergleiche zu seinem bevorzugten anarchistischen Denker vollzieht: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842–1921), Vordenker des Anarcho-Kommunismus. Sein Ideal der gewalt- und herrschaftsfreien Gesellschaft fasziniert Tolik, obwohl er im Laufe seiner Expedition erkennen muss, dass dies nichts weiter als ein Idealzustand ist. Der Verlust der Menschlichkeit und der zivilisatorischen Errungenschaften lassen Tolik erkennen, wie fern die Metro von Kropotkins hehrem Musterbild ist.

Im Schnellzug durch die Metro

Die deutsche Übersetzung ist sprachlich einfach gehalten, aufgrund kurzer Sätze – und wenig Grammatik – ist Im Tunnel mühelos zu verstehen und schnell zu lesen. Verglichen mit Glukhovskys Metrobüchern ist Im Tunnel vergleichsweise kurz. Antonow folgt in seiner Erzählstruktur Glukhovsky, ohne inhaltlich und sprachlich an das Original heranzukommen.

Antonow beschreibt die Reise und Erlebnisse von Tolik in auktorialer Weise. Allerdings ist er deutlich rasanter und erzählt seine Episode im Schnelldurchgang. Da, wo Glukhovskys stehen bleibt und Eindrücke wiedergibt, erklärt oder ausholt, rast Antonow durch. Nicht selten kommt es innerhalb eines Absatzes zu mehreren Ereignissen, die keine oder bloß untergeordnete Aufmerksamkeit erhalten. Dies geht zu Lasten der inhaltlichen Tiefe. Antonow schreibt so dicht und verwirrend, dass dem Leser bisweilen nicht fasslich ist, was nunmehr ins Reich von Toliks Alpträumen und was zur Handlung gehört.

Was ist gut, was ist böse

Zentraler Aspekt von Im Tunnel ist die Frage nach dem Wesen des Menschen, der Frage nach gut und böse. Konfrontiert mit den Menschenversuchen der Kommunisten, dem Rassenwahn der Faschisten, der Gier der Händler, dem religiösen Hirngespinst der Satanisten, der Dreiklassengesellschaft der Hanse und der Diskriminierung der Mutanten, fragt sich Tolik immer wieder nach dem Sinn des Menschseins. Kropotkin gibt ihm hier Halt. Der Verlust seiner anarchistischen Freunde und der Wunsch sie zu rächen, bilden seinen Antrieb, seine Motivation. Dies und die Liebe zu Jelena treiben ihn an, sich Gefahren und Widrigkeiten zu entziehen und nicht aufzugeben.

Die Gegenwart Russlands als Schlüssel

Der Versuch Toliks Ansichten über den Anarcho-Kommunismus mit der Story zu verweben, gelingt nicht zufriedenstellend, denn dazu geht Antonow nicht tief genug in die Theorie. Klar, der Leser darf nicht vergessen, dass das M33-Universum ein Spiegel der politischen Einstellungen in Russland, eine Debatte über Politik und Gesellschaftssysteme ist. Um es in den Worten Glukhovsky zu sagen: „Die Welt der Metro ist Russlands gegenwärtige Gesellschaft en miniatur.“ (Interview mit Dmitry Glukhovsky auf Phantastik-Couch). Gerade dieser Umstand bereitet nicht-russischen Leser Schwierigkeiten, weil die Hintergründe fehlen. Satirische Seitenhiebe auf die russische Tagespolitik mit ihrem Personenkult wirken deshalb beim Lesen eigenartig auf Westeuropäer.

„Das-ist-so-Prinzip“

Während Toliks Charakter gut gezeichnet ist, erscheinen alle anderen als unbedeutende Statisten. Inhaltlich zu kurz kommt die Liebe zu Jelena, ebenso wie der plötzliche Wandel des Diebs Nikita  zu einem glühenden Verfechter der Freiheit. Selbst die Pläne der Kommunisten sind nur eine Randnotiz. Antonow setzt daneben nicht zu einer Erklärung an, weshalb die Kommunisten einen so enormen Aufwand betreiben, anarchistische Kämpfer als Versuchstiere zu bekommen? Zu viel folgt dem „Das-ist-so-Prinzip“. Es sind diese Stellen, an denen die Story eingeschoben, wenig durchdacht und vorhersehbar wirkt. Spannung will daher nicht so recht aufkommen.

Fazit

Angesichts des umfangreichen Inhalts und der Implikationen darf der Leser mehr erwarten. Stellenweise erscheint Im Tunnel als geraffte Kopie von Metro 2033, dazu müsste lediglich Tolik durch Artjom und die Woikowskaja durch die WDNCh ersetzt werden. Es fehlt etwas Frisches, etwas Neues, etwas Unerwartetes. Gleichwohl füllt Antonow das Metro-2033-Universum mit weiteren „Stationen“ und schafft es, die Trostlosigkeit der Metro zu veranschaulichen. Fans des M33-Universums kommen – trotz Ausbaufähigkeit der Story – auf ihre Kosten. Alle anderen sollten bei Glukhovsky bleiben.

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