Abstracts

Abstracts zu Aufsätzen zu den Themen Science Fiction, Utopie und Anti-Utopie sowie Phantastik

Jehmlich, Reimer: Phantastik – Science Fiction – Utopie. In: Thomsen, Christian W. ; Fischer, Jens Malte: Phantastik in Literatur und Kunst, Darmstadt, 1980, S. 11-33.

Reimers Aufsatz konstatiert im ersten Teil aktuelle Begriffsverwirrung und gibt einen begriffsgeschichtlichen Überblick anhand unterschiedlicher Definitionen der schwer von einander abzugrenzenden Begriffe ‘Phantastik’, ‘Science Fiction’ und ‘Utopie’. Während in den USA aus persönlichen Vorlieben häufig eine Unterordnung der beiden anderen Begriffe unter den der ‘SF’ erfolge, bilde die Utopie in Deutschland aufgrund von Akzentuierung die wissenschaftliche Leitkategorie. Unter politik- und sozialwissenschaftlichem Einfluss sei der traditionelle literaturwissenschaftliche Begriff unzulässig entgrenzt worden. In Frankreich hingegen sei der Begriff ‘Phantastik’ aufgrund forschungshistorischen Traditionen gegenüber den anderen beiden aufgewertet und zumindest jenem der SF übergeordnet.

Im zweiten Teil untersucht Jehmlich anhand der Utopie Looking Backward von Bellamy, dem phantastischen Text The Fall of the House of Usher von Poe sowie dem Science Fiction War of the Worlds von Wells die zuvor ausgemachten kritischen Grenzbereiche zwischen den drei Genres. Ausgehend vom Gemeinsamen der drei Begriffe verteidigt er die Phantastikdefinition von Todorov. Eine umfassende und andauernde und konstruktive Grenzüberschreitung zu anderen Wirklichkeitsbereichen sei notwendig, um die für die Phantastik typische Verunsicherung des Lesers, ob eine übernatürliche oder natürliche Erklärung gelten solle, zu erreichen. Eine solche liege bei Science Fiction nicht vor. Hier werde die Glaubwürdigkeit mittels wissenschaftlicher Erklärungen erreicht. Die neuen globalen bzw. kosmischen Dimensionen der SF seien “Renommierräume” für Erzählmuster altbekannter Genres. Obwohl Zweifel erhoben werden könnten, ob die SF überhaupt ein Genre sei, spricht sich Jehmlich dafür aus, ein solches anzunehmen – obwohl sich Verwandtschaften in der Motivik erkennen ließen. Weiterhin ließe sich unter Verwendung der traditionellen Utopiedefinition die Grenze zwischen SF und Utopie sehr deutlich ausmachen. Science Fiction kritisiere im Zukunftsraum nur punktuell aktuelle Gesellschaften, während die Utopie vornehmlich diskursiv, aber immer umfassend, bessere Gesellschaften aus didaktischen Gründen entwerfe; weshalb der Status der Antiutopien auch immer noch kontrovers diskutiert werde, da letztere in ihrer an nichtutopischer fiction orientierten Narration deutliche Unterschiede zu den “alten” Utopien aufweise.

Pennig, Dieter: Die Ordnung der Unordnung. Eine Bilanz zur Theorie der Phantastik. In: Thomsen, Christian W. ; Fischer, Jens Malte: Phantastik in Literatur und Kunst, Darmstadt, 1980, S. 34-51.

Ausgehend von der Frage, ob die Phantastik aufgrund der höchst unterschiedlichen Werke, die unter diesem Begriff subsummiert werden, überhaupt ein eigenes Genre darstellen, gibt Dieter Pennig einen Überblick über die bisherigen Ergebnisse der Forschung und setzt sich bei der Bestimmung der Funktion des Genres für ein historisch-soziologisches Vorgehen ein. Auf der Basis der Todorov’schen Definition schlägt er vor, eine strengere und eine allgemeinere Form der Phantastik zu erfassen, je nachdem, ob die Umschlüssigkeit des Lesers, welche Ordnung gelten solle, bis zum Ende des Werkes Bruch durchgehalten werde oder am Ende zu Gunsten einer der beiden Ordnungen gelöst werde. Er erläutert im folgenden Abschnitt die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen, die das Erscheinen der Phantastik als Ergebnis der Etablierung des rationalen Weltbildes der Aufklärung und der Verbreitung des bürgerlich-realistischen Romanes ermöglichten, und betont, dass die Funktionen der Phantastik nur im gesellschaftlich-historischen Kontext beschrieben werden können. Ein Topoikatalog reiche zur Definition des Genres hingegen nicht aus. Eine ausschließlich psychologische Beschreibung der Funktionen der Phantastik mithilfe des Begriffes “Angst” lehnt er als veraltet ab. Sinnvoll erscheint ihm hingegen eine historisch-soziologische Betrachtung. Mit Stanislaw Lem betonend, dass die Konkurenz der Ordnungen keine “Unordnung” bedeute, unterscheidet er eine reaktionär eskapistische Form der Phantastik von einer progressiven Form, die im Riss der Realität die tiefere Wahrheit der Wirklichkeit aufscheinen lasse. Er verweist auf Winfried Freund, der gezeigt habe, dass sich durchaus unterschiedliche Phasen und Funktionen der Phantastik ausmachen ließen, selbst wenn dieses vor allem für das spätere 19. Jahrhundert und die Moderne noch nicht befriedigend gelungen sei. Zudem zeige diese Herangehensweise auch, dass unter historisch-gesellschaftlichen Gesichtspunkten selbst der Begriff “Angst” je nach Kontext unterschiedlich fassen lasse. Einzeluntersuchungen zu phantastischen Werken im soziologisch-historischen Kontext seien jedoch noch zu selten.

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