Das Motiv der Natur in der klassischen Dystopie

Das Motiv der Natur

Motive dystopischer Romane IV

In der klassischen Dystopie ist der vom totalitär bzw. kollektivistisch organisierten System kontrollierte Raum normalerweise ein städtischer, dicht bevölkerter. Dementsprechend erwächst der unberührten Natur die Funktion eines Gegenbildes, welches auch den Wunsch des Protgonisten nach Freiheit symbolisiert. Beispiele hierfür lassen sich in allen klassischen Beispielen des Genres finden:

In Samjatins Roman Wir (1920) wird die Stadt von einer (eigentlich) unüberwindlichen Mauer umschlossen. Dahinter findet der Protagonist neben der unberührten Natur auch eine Gruppe von ‘Rebellen’, die sich die Zerstörung des totalitären Staates jenseits der Mauer zum Ziel gesetzt hat. Von hier soll die Veränderung ausgehen.

In Orwells Roman 1984 (1949) muss sich Winston Smith mit Julia auf dem Lande treffen, um der totalen Überwachung des Staates zu entgehen. So wenig am Ende der Protagonisten in seinem Widerstand gegen den Staat erfolgreich ist, so wenig ist die Natur unberührt: Winstons subversive Tätigkeiten sind genauso bekannt, wie der scheinbar “freie” Raum überwacht wird. Angesichts der totale Kontrolle des Individuums ist die Hoffnung auf eine Änderung der Gesellschaftsordnung vergebens.

Meiner Ansicht nach noch bedrückender ist der Huxley’sche Entwurf. In Brave New World (1932) erscheint der unberührte Raum der Natur auf Reservate reduziert, in der noch “Wilde” leben, die auf natürliche Weise Kinder empfangen und manchmal auch krank und alt werden. Während bei Samjatin aus dem Raum der Natur noch Widerstand erwachsen kann und bei Orwell zumindest noch als konspirative Rückzugsmöglichkeit erscheint, ist er hier nur noch eine aus Praktibilitätsgründen geduldete Enklave in der für immer schönen, neuen Welt.

Die geheimnisvolle Struktur und die Allmacht des Staates zeigt sich aufgrund des Genrebewusstseins der Autoren auch in modernen Dystopien, selbst wenn es sich dabei um Jugendromane handelt.

In dem preisgekrönten Jugendroman Die Wächter von John Christopher (1972) versucht der Protagonist Rob Randall der staatlichen Kontrolle durch die Flucht aus dem städtischen in den ländlichen Bereich (aus dem seine Mutter stammt) zu entfliehen. Dieser ist wie bei Samjatin durch eine Barriere und ein vom Staat produziertes Tabu von der riesigen Conurba getrennt. Dort lebt er eine zeitlang recht primitv, aber unbeschwert, in einer Höhle, die ihm ein jugendlicher Bewohner der  Gegend als Unterschlupf anbietet. Hier entdeckt ihn allerdings dessen Mutter, da auch sie das Versteck aus Kindheitstagen kennt. Das Bild der Höhle spiegelt dabei auf großartige Weise die geheimnisvolle Struktur das Staates wieder: Auch der ländliche Raum ist einer totalen Kontrolle durch “die Wächter” unterworfen, denn aufsässige Individuen werden durch eine Operation am Gehirn gefügig gemacht – und dieses ist meistens mit Eintritt ins Erwachsenenalter der Fall. Die Hoffnung, dem das Individuum vereinnahmenden System durch Flucht zu entgehen, hat sich nicht erfüllt: Die Überwachung ist umfassend – auch wenn Rob zuletzt den Weg zurück in die Conurba und den Untergrund wählt.

Gemeinsam scheint dabei den meisten Romanen zu sein, dass die durch die Natur symbolisierte Vorstellung einer besseren Gesellschaft aufgrund der Totalität der Überwachung eine Utopie bleiben muss – d.h. die Dystopie produziert im Raum des Naturmotivs ihr eigenes utopisches Gegenbild, das immer ein Bild der Vergangenheit – häufig unser Gegenwart -  ist.

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