Atomkrieg-Szenario

Das Atomkrieg-Szenario in der Literatur

Den Atomkrieg als literarisches Motiv mit unter die Katastrophenszenarien mit aufzunehmen, ist vor allem durch dessen Merkmale gerechtfertigt: Der Krieg, der über die Menschen hereinbricht, besitzt eher die Charakteristiken einer Seuche oder eines Unglücks. Denn obwohl die Romane dieses Genres eigentlich Kriegsromane sein müssten, unterscheiden sie sich deutlich von den klassischen Vertretern dieser Gattung. Der Krieg ist normalerweise ausgesprochen kurz und es gibt keine Helden. Zudem macht er keinen Unterschied zwischen Zivilisten und Soldaten wie in jenen Werken, die traditionelle Kriege beschreiben. Nicht nur, dass die Beteiligten in den meisten Fällen keine Hoffnung auf einen Sieg haben – manchmal wird er sogar versehentlich ausgelöst und eigentlich immer nur unwillig geführt. Kurz: Er ist ein Verhängnis, das über die Menschen aufgrund der sich aus der nuklearen Abschreckung ergebenden paradoxen Gesetze bzw. unkontrollierbaren Risiken hereinbricht.

Phase 1: Spekulationen im Science Fiction

Schon vor den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 erschienen Romane, in denen nukleare Waffen eine zentrale Rolle spielen. In George Griffiths The Lord of Labour aus dem Jahre 1911 beispielsweise wird die britische Flotte durch deutsche Atomstrahlen vernichtet, worauf das Empire mit überlegenen Granaten aus Radium zurückschlägt. Besonders weitsichtig erscheint Orson Wells Roman A World set free aus dem Jahr 1914.  Nachdem die erste Atombombe über dem Deutschen Reich von einem Flugzeug aus abgeworfen worden ist, setzt ein Rüstungswettlauf ein, der in einem nuklear geführten Weltkrieg endet, in dessen Verlauf die Großstädte zerstört werden. In Harold Nicolsons Public Faces von 1932 werden die britischen Atombomben dann sogar schon durch Raketen transportiert [siehe hierzu: Paul Brians: Nuclear Holocaust: Atomic War in Fiction].

Phase 2: Es ist noch lange nicht vorbei

In den späten 40er auch noch 50er Jahren zeigen die Romane, die das Motiv des Atomkrieges verwenden, einige durchaus überraschende Besonderheiten auf. Zum einen werden die Folgen der Strahlung geradezu verharmlosend dargestellt – obwohl die Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki etwas ganz anderes zeigen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Lawrence Schoonovers Machwerk Der Rote Regen, das sogar aus dem Jahre 1962 stammt. Der Rote Regen – schon damals sagte man üblicherweise Fallout dazu – ist hier nicht radioaktiv und hat keine gesundheitlichen Konsequenzen für die Betroffenen. Dafür ermöglicht die Verwendung des Motivs des Atomkrieges dem amerikanischen Autor, die schon vorher lange beliebten Mutanten scheinbar wissenschaftlich legitimiert einzuführen. Und von dieser Möglichkeit machen die Autoren der 40er und 50er Jahre hemmungslos Gebrauch.

Dabei wird häufig auch die Tradition des postapokalyptischen Abenteuerromans fortgeschrieben. In Hans Wörners Wir fanden Menschen beispielsweise durchqueren drei Männer verwüste Regionen und müssen sich barbarisierter Überlebender erwehren. Man muss Michael Salewski Recht geben, wenn er konstatiert, dass in solchen Romanen ein nur gering ausgeprägte[s] Krisenbewusstsein vorliege, dass sich auch darin zeige, dass ein (mutiertes) Weiterleben in einer (barbarisierten) postnuklearen Welt möglich sei [Michael Salewski, Atomkriege in der Science Fiction, S.239]. Dieses fehlende Bewusstsein lässt sich auch in der engagierteren deutschen Literatur ausmachen: So ist die Verseuchung in Oskar Maria Grafs Roman Die Erben des Untergangs aus dem Jahr 1949 kein Thema – vielmehr steht dort die politische Neuorganisation der Gesellschaft im Zentrum. Hier dient das Szenario des Atomkrieges zwar nicht als Vorwand, um Mutanten auftreten zu lassen oder eine spannende und abenteuerliche Geschichte zu erzählen, wohl aber alleine dazu, um Tabula Rasa mit den bestehenden Gesellschaften zwecks der Vorführung einer neuen Ordnung zu machen. Diese sich schnell etablierenden Merkmale werden in postnuklearen Dystopien niemals wieder ganz verschwinden – sie alle lassen sich z.B. in Macauleys Dunkel kommt die Zukunft aus dem Jahre alle noch zusammen finden.

Phase 3: Das Ende der Menschheit

Ab der Mitte der Fünfziger Jahre beginnen die Autoren sich vermehrt dem Motiv des Atomkrieges zuzuwenden. Dabei zeigen die Neuerscheinungen nun häufiger jene Sensibilität beim Thema Strahlung, die man vorher so schmerzlich vermisst.  Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Zum einen verstärkte der Koreakrieg (1950-1953), in dessen Verlauf die amerikanischen Militärs häufiger den Einsatz von Nuklearwaffen öffentlich in Betracht zogen sowie die das neue atomare Potential der U.D.S.S.R. in Verbindung mit dem Sputnik-Schock am 5. Oktober 1957 das Interesse der Leserschaft. Zum anderen sensibilisierten die Diskussionen um die Folgen des aus Atomtests stammenden Fallouts zunehmend die Öffentlichkeit. Im Zuge dieser Veränderungen war nun ein sehr viel größerer Anteil der Leserschaft bereit, Werke über den Atomkrieg zu rezipieren [Siehe hierzu: Stölken-Fitschen, Atombombe und Geistesgeschichte, S. 115ff.]. Damit brechen einzelne Autoren erstmals aus dem kleinen Genre des Science Fiction aus und feiern in Hollywood sogar mit recht pessimistischen Werken Erfolge. Zwar spielt die Strahlung in dem Roman Herr der Fliegen von William Golding (1953) explizit keine Rolle, allerdings erteilt er schon dem Glauben an einen besseren Neuanfang eine Absage, indem er die auch Kindern eignende Bereitschaft zur Gewalt vorführt und das Thema einer barbarisierten Menschheit interessant variiert. Dass es kein Entkommen geben wird, zeigt beispielsweise Kirsts Keiner kommt davon. Bericht von den letzten Tagen Europas (1957). Der sich verbreitende pessimistischere Blick auf die Zukunft erklärt auch den Erfolg des stilistisch eigentlich recht konventionellen, thematisch aber erschreckenden Romans On the Beach von (1959) Neville Shute, der zu den wenigen Beispielen gehört, in dem eine dem Ende erschreckend ruhig entgegensehende Menschheit nach einem Atomkrieg gänzlich ausstirbt. Damit erfährt das apokalyptische Genre insgesamt eine Neuerung – auch wenn das Motiv der sich nähernden tödlichen Wolke aus dem 19. Jahrhundert entnommen wird, gibt es hier keinen Adam und keine Eva mehr, die einen Neuanfang ermöglichen wie in Philip Shiels Roman Die purpurne Wolke (1901). Der Atomkrieg ist wirklich das Ende.

Phase 4: Die Ruhe vor dem Sturm

Während die Kuba-Krise 1962 noch einmal die atomare Bedrohung in den Mittelpunkt rückte, zeigte sich aber auch, dass das Lesepublikum kaum an literarischen Visionen der nuklearen Vernichtung interessiert war, zumal die Romane im Vergleich mit den Vorgängern selbst wenig Neues bringen. In der Öffentlichkeit verdrängen Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger Jahre der Vietnamkrieg und die zunehmend wahrgenommene Umweltzerstörung den atomaren Holocaust.

Wenn der Atomkrieg dann doch Eingang in die Literatur findet, dann dient er nicht selten dazu, sich auch mit anderen Themen auseinanderzusetzen. In Robbie Macaulays Roman Dunkel kommt die Zukunft sind dieses beispielsweise die ethnischen Probleme in den U.S.A.  Und obwohl Robert Merlés Roman Malevil nach einem vernichtend geführten Krieg spielt, stehen dabei weniger die Folgen des Krieges selbst als die in einem Gedankenspiel vorgeführten zwischenmenschlichen Beziehungen und Strukturen im Zentrum. Diese Situation ändert sich erst gegen Ende der Siebziger Jahre. Besonders zu nennen ist hier General Sir John Hacketts nur halb-literarisches Werk Der Dritte Weltkrieg. Hauptschauplatz Deutschland aus dem Jahre 1978, das aus exponierter professioneller Sicht versucht, ein realistisches Kriegsszenario jenseits der bekannten  Katastrophenromane und postnuklearen Abenteuergeschichten zu entwerfen.

Phase 5: Unabwendbares Schicksal

Hacketts Roman erscheint wie ein Vorbote dessen, was da noch kommen sollte: Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan 1979 und parallel zum daraufhin von Ronald Reagan eingeschlagenen harten außenpolitischen Kurs lässt sich wieder eine zunehmende Zahl von Romanen ausmachen, die sich mit dem Atomkrieg auseinandersetzen. Zu einer geradezu apokalyptischen Stimmung trägt auch der NATO-Doppelbeschluss bei, der eine nukleare Nachrüstung des Westes aufgrund der von der Sowjetunion in Osteuropa stationierten SS-20-Raketen vorsieht. Vielerorts verbreitet sich angesichts der kaum abwendbar erscheindenden Vernichtung eine Untergangsstimmung, die weite Teile der deutschen Bevölkerung erfasst.

Im Jahr 1983, dem Jahr der beginnenden Stationierung von Pershing-II-Raketen und den Massendemonstrationen der Friedensbewegung dagegen, erscheinen alleine in Deutschland 6 Romane: Dieter König, Feuerblumen; Udo Rabsch, Julius oder Der schwarze Sommer; Gudrun Pausewang, Die letzten Kinder von Schewenborn; Gerhard Zwerenz, Der Bunker; Matthias Horx, Glückliche Reise; Anton Guha, Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg. Möglicherweise muss man sogar Georg Zauners Roman Der verbotene Kontinent als siebte Veröffentlichung dazurechnen. Wie dem auch sei -  in keinem Jahr zuvor und keinem Jahr danach lässt sich eine solche Zahl von Neuerscheinungen in deutscher Sprache finden, die sich mit dem Thema des Atomkrieges auseinandersetzen. Bekannt ist von diesen Romanen heute nur noch Gudrun Pausewangs Jugendbuch – vermutlich auch, weil hier die Kanonisierung als Schullektüre mit pädagogischem Anspruch am nächsten lag. Aber auch in den nächsten Jahren  sollen die Veröffentlichungen nicht mehr abreißen.

Phase 6: Das Ende des Kalten Kriegs

Mit der Auflösung der Sowjetunion und des Warschauer Paktes verschwindet auch das Schreckbild eines umfassend geführten nuklearen Schlagaustausches zwischen den beiden Großmächten und der mit ihnen verbündeten Staaten. Schlagartig ist die Flut der Veröffentlichungen beendet, obwohl es auch hier immer noch wieder lesenswerte Nachzügler – wie Kenzabuore Ôes Roman Therapiestation – und weniger beachtenswerte   – wie  Eric Harrys Gegenschlag – gibt. Aber auch im 21. Jahrhundert verschwindet die literarische Auseinandersetzung mit einem weltweiten Atomkrieg nie ganz und kann zudem als postnuklearer Abenteurroman wieder beachtenswerte Erfolge zeitigen, wie Metro 2033 von Dmitry Glukhovsky beweist.

Literatur:

Paul Brians: Nuclear Holocaust: Atomic War in Fiction.1895-1984. Ken State University Press, 1997.

David Dowling: Fictions of Nuclear Desaster. University of Iowa Press. 1987.

Andy Hahnemann: Wettlauf ins Nichts. Der Dritte Weltkrieg in der Literatur der 50er Jahre.

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