Atomunglück-Szenario

Gedanken zum Szenario eines Atomunglückes in der Literatur

In den Tagen seit dem ersten der fünf Reaktorunglücke von Fukishima sind in verschiedenen Online-Magazinen Artikel zuhauf erschienen, die sich mit der literarischen oder cineastischen Verarbeitung von Katastrophenszenarien auseinandersetzen [Beispiele hierfür sind: Spiegel Online: Von Ruhe bis Hysterie. So geht die  Welt mit Katastrophen um; Volksfreund: Kunst und Katastrophe]. Auf solche Züge kann – aber muss man nicht aufspringen, zumal man hier doch oft aus zweiter Hand schöpfen muss. Den Anstoß dazu, doch noch zu recherchieren – und letztendlich einen Artikel über die Ergebnisse zu verfassen – gab eine Behauptung Christa Wolfs, welche sie in einem Interview mit der Zeit zu dem Störfall in Fukushima mit Blick auf Chernobyl aufstellte: Damals geschah, was keiner erwartet hatte [Zeit: Bücher helfen uns auch nicht weiter].

Wenn uns die  Bilder der Demonstrationen vor Kalkar und Brockdorf auch belehren, dass  Wolfs Feststellung (zumindest für die BRD) irgendwie nicht stimmen kann – existieren eigentlich jene warnenden Werke, die der Katastrophe von Chernobyl vorausgehen und nach deren Lektüre auch Wolf es hätte besser wissen können?

Phantastische Katastrophen

Zu den Werken, die man dabei gerade noch so aufzählen kann, gehört Das Erbe der Uraniden von Hans Dominik aus dem Jahre 1926. Seiner Neigung zum Gigantischen fröhnend, entwirft der Autor ein Weltuntergangsszenario aufgrund eines Atombrandes, der die ganze Welt verzehren könnte – und dem sich die Menschheit dementsprechend stellen muss.  Den Grund hierfür hat die Menschheit jedoch – wie bei Dominik fast immer – selbst zu verantworten, hat sie doch gedankenlos in einem Krieg extraterrestrische Technonlogie eingesetzt.

Das ist in Robert A. Heinleins Kurzgeschichte Blowups Happen schon anders. Im Jahre 1940 – drei Jahre vor dem Bau des ersten Atomreaktors (Hanford, U.S.A.)  – erschienen, müssen bei Heinlein die Wissenschaftler und Techniker des Kernkraftwerkes feststellen, dass das Risko eines Unglücks unterschätzt worden ist. Doch dank Raketen, die in keinem Science Fiction Werk der damaligen Zeit fehlen durften, entgehen die Vereinigten Staaten noch einmal einer Katastrophe – der Reaktor explodiert zuletzt (aus anderen Gründen) im All.

Ebenso phantastisch erscheint das 1942 von Lester del Rey in der Kurzgeschichte Nerves (die 1956 zu dem gleichnamigen Roman ausgebaut wurde) beschriebene Atomunglück. Isotope verwandeln sich munter in- und auseinander – und drohen zuletzt durch Explosion in radioaktiven Wolken ganze Bundesstaaten zerstören. Trotz des glücklichen Ausgangs am Ende und der ziemlich unwissenschaftlichen Vorgänge erscheint die Bedrohung aber immerhin greifbarer als in den zuvor genannten Werken.

Mit nuklearen Unfällen, die tatsächlich Folgen zeitigen, warten Wilma Shiras Children of the Atom von 1953 und Phyllis Gotliebs Sunburst von 1964. Allerdings in Form eines der beliebtesten Motive der Science Fiction: Während im ersteren Werk die bei einem Störfall in einer Waffenfabrik verstrahlten Arbeiter hyperintelligente Kinder zeugen, wird im zweiten aufgrund eines Reaktorunfalles eine Stadt isoliert,  in der in den folgenden Jahren seltsame Mutanten das Licht der Welt erblicken. Immerhin werden hier endlich die Gefahren der radioaktiven Strahlung thematisiert, auch wenn sie noch genretypisch nur genutzt werden, um phantastische Motive scheinwissenschaftlich zu legitimieren.

In der Realität angekommen

In den siebziger Jahren verschwinden diese phantastischen Elemente endlich:  Thomas N. Scortia thematisiert in The Prometheus Crisis von  1975 – wohl technisch recht versiert – ein atomares Unglück  mit katastrophalen Folgen in the world’s largest nuclear plant in California. Möglicherweise muss diese Beobachtung auch im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen in der westlichen Welt der 70er Jahre gesehen werden: Die Umweltbewegungen formieren sich und langsam – zumindest in Deutschland – entsteht eine Anti-Atomkraftbewegung, nicht zuletzt aufgrund der  weltweit zunehmenden Zahl von nachweisbaren Störfällen, bei denen Radioaktivitär ausgetreten ist.

Die Zäsur: Zeigefinger oder Dokument

Eine Zäsur stellt der Reaktorunfall von Chernobyl dar, der wochenlang Europa in Atem hielt. Denn im Jahr darauf erscheinen endlich zwei berühmte deutsche Texte, die sich mit der realen, von den russischen Behörden zum nuklearen Störfall heruntergestuften Katastrophe auseinandersetzen: Christa Wolfs Erzählung Störfall. Nachrichten eines Tages und Gudrun Pausewangs Jugendroman Die Wolke. Beide Werke stellen – wie wohl alle Folgenden – das Leiden der Menschen in den Mittelpunkt. Während sich Wolf aber dokumentarisch und autobiografisch mit der realen Katastrophe auseinandersetzt, schildert Pausewang das fiktive Schicksal eines 14-jährigen Mädchens nach einer Reaktorkatastrophe im AKW Grafenrheinfeld [Karen Hesses Roman Phoenix Rising von 1994 scheint Pausewangs Geschichte übrigens in die U.S.A. zu verlegen. Auch hier verändert ein GAU das Leben einer jungen Protagonistin].

Ebenfalls noch im Jahr 1987 erscheint Frederic Pohls Roman Tschernobyl. Pohl, der interessanter Weise eigentlich Science-Fiction-Autor ist, zeichnet recht genau, aber wohl literarisch unbefriedigend, die realen Vorgänge nach, die zur Katastrophe führen. Und auch Irene Zabytkos setzt sich noch in dem 2000 veröffentlichten Roman The Sky Unwashed mit dem tatsächlichen Leiden einer betroffenen Familie auseinander.

Beinahe grotesk erscheint die Beschreibung der Handlung von Hans Platzgumers Roman Der Elefantenfuß. Der nach der Form des durch die Kernschmelze verformten Reaktorinnenlebens benannte Roman schildert 25 Jahre nach der Katastophe das Leben die Menschen um und mit der strahlenden Ruine – und für einige ist sie weitaus mehr als das. Aber auch T.C. Boyle befasste sich mit dem Chernobyl. In seiner 2010 verfassten Kurzgeschichte In der Zone [Volltext im Magazin der Süddeutschen Zeitung] thematisiert er die vom ukrainischen Staat erlaubte Rückkehr von älteren Einwohnern in die kontaminierte Sperrzone.

Vorsichtige Überlegungen:

Die Ergebnisse scheinen zuerst zwei Dinge zu zeigen: Es war nicht nur ein langer Weg zur realistischen Darstellung der von der Atomkraft ausgehenden Gefahren – er war zudem viel länger als man eigentlich hätte erwarten können. 

Bemerken lässt sich aber noch etwas Weiteres: Für den deutschen Sprachraum wirken die Ergebnisse recht dünn. Möglicherweise habe ich an den falschen Stellen gesucht, möglicherweise hat sich das vom Kalten Krieg ausgehende Bedrohungsszenario eines Atomkrieges ausgewirkt – und vielleicht hat Christa Wolf (ich sage es nur ungern) insofern ausnahmsweise einmal teilweise ein bisschen Recht, als eine realistisch anmutende und als deutliche Warnung zu erkennende Darstellung der Gefahren vor dem Reaktorunglück von Chernobyl äußert selten zu sein scheint.

Nach der Zäsur von 1986 scheinen zwei mögliche Wege gegangen worden zu sein: Die dokumentarisch oder zumindest biografisch verfahrende Aufarbeitung der realen Katastrophe, die das Leiden der Menschen in den Mittelpunkt rückt, oder die pädagogische Erzählung mit erhobenem Zeigefinger, die sich dann aber stärker an eine jugendliche Zielgruppe wendet.

Es könnte vermutet werden, dass das mehrfache Reaktorunglück von Fukushima nach Mega-Erdbeben und Tsunami die Grenzen dieser Genres einfach sprengt.

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