Merkmale der klassischen Dystopie

Merkmale klassischer Dystopien

Ein Überblick

Die Merkmale der Anti-Utopie (bzw. Dystopie) werden von den gemeinsamen literarischen Merkmalen der drei als klassisch verstanden Vertretern des Genres (Evgeni Samjatin: Wir (1920), Aldous Huxley: Brave New World (1932), George Orwell: 1984 (1949)) abgeleitet. Diese sind in Kürze:*

Handlung und Aufbau klassischer Dystopien

  • Fiktionale Konstruktion eines zukünftigen weitgehend totalitären Staates bzw. einer geschlossenen Gesellschaft, die den Anspruch hat, die Verwirklichung einer Utopie zu sein (Bradburys Fahrenheit 451 weist mit dem letzten Aspekt   beispielsweise keine Übereinstimmung auf – und ist dementsprechend auch keine klassische Anti-Utopie. Mehr zur Frage der Begriffsdefinition hier  ).
  • Zentraler Konflikt zwischen einem als Sympathieträger fungierenden Protagonisten und dem die persönlichen (heute: bürgerlichen) Freiheiten negierenden System. Diese Abkehr vom aus den klassischen Utopien stammenden Motiv des Reisenden zum persönlich betroffenen Handlungsträger, der in Konflikt mit dem totalitären Staat gerät, wird heute weitgehend als genrekonstituierendes Element der klassischen Dystopien betrachtet. Noch nicht konseqent umgesetzt schon vorher zu finden in Forsters Die Maschine bleibt stehen (1909) und Vernes Paris um XX. Jahrhundert (1863).
  • Durchschnittlicher Protagonist im Mittelpunkt der Handlung wird aufgrund eines (nicht selten durch eine Liebesbeziehung) eingeleiteten Erkenntnisprozesses zum Außenseiter; Beginn der Quest; Das utopische System wird als Unterdrückungsmaschinerie entlarvt
  • Dreiteiliger Aufbau:
      1) Exposition ohne Narratio der Genese des fiktionalen Staates und der Gesellschaft,
      2) beginnender Erkenntnisprozesses seitens des Protagonisten und Abkehr von der Ideologie,
      3) Repression seitens des Staates zwecks physischer und/oder psychischer Vernichtung des  aufbegehrenden Protagonisten oder seiner Wiedereingliederung in die gesellschaftliche (Zwangs-)Ordnung zum Zeitpunkt seines ‘Aktiv-Werdens’
  • Punktuelle Aufklärung der das System bestimmenden Kräfte bzw. dessen Genese durch Gespräch zwischen Vertreter des Systems und Protagonisten im dritten Teil [Erklärung zum Motiv des Streitgespräches]
  • Zeitstruktur weist lineare Handlung und chronologisches Erzählen auf

Motive klassischer Dystopien

  • Sprache als Manipulations- und Kontrollwerkzeug des Staates
  • Medien als Manipulations- und Kontrollwerkzeug des Staates
  • Kontrolle der Geschichte durch den Staat
  • “Botschaft” aus der Vergangeheit in Form von Antiquitäten, Bildern, Briefen etc. [Erklärung des Artefakt-Motives]
  • Kontrolle der Liebesbeziehungen durch den Staat [Erklärung des Liebesmotivs]
  • Kontrastierung der kontrollierten Welt des Protagonisten durch das Motiv der (freien) Natur [Erklärung des Motivs der Natur in der Dystopie]
  • Isolation des Kontrollbereiches von der restlichen Welt bei Samjatin und Huxley durch eine Mauer [In späteren Vertretern des Genres häufig variiert als Kuppel (Douglas Mason: Stadt unter Glas, Jean-Christophe Rufin: Globalia), als tabuisierte Grenze (John Christopher: Die Wächter) oder auch als Bunker (K.H.Scheer: Die Großen in der Tiefe, Dieter König: Feuerblumen. Im letzteren Falle als Science Fiction oft mit starken Elementen des postapokalyptischen Abenteuerromans verbunden]
  • “Menschenopfer” fordernde unmenschliche Seite der vorherrschenden Ideologie

Intention und Funktion der klassischen Dystopien

Bei den drei klassischen Dystopien lassen sich nicht voneinander trennen:

  • Utopiekritik: Kritik an zeitgenössischen (konkreten) utopischen Entwürfen, die seitens der Autoren als Gefahr aufgefasst wurden (vor allem Samjatin und Orwell: leninistischer bzw. stalinscher Kommunismus), oder an als utopisch verstandenen Vorstellungen (bei Huxley z.B. der zeitgenössische “naive” Fortschrittsoptimismus)
  • Gegenwartskritik: Kritik an zeitgenössischen gesellschaftlichen bzw. technischen Entwicklungen (vor allem Huxley: Bequemlichkeit). Hier häufig mit starken satirischen Elementen arbeitend (auffällig, aber nachvollziehbar verstärkt später zu finden in den sowjetischen Anti-Utopien,). Obwohl sich die stärksten Überzeichnungen bei Huxley finden lassen, ist ebensolches sowohl bei Samjatin als auch Orwell zu erkennen.
  • Warnfunktion: Sowohl die Gegenwartskritik als auch die Utopiekritik besitzen warnende Funktion.

Unterschiede zwischen den einzelnen klassischen Dystopien

  • Kontrolle der Bevölkerung durch ‘harte’ (an den stalinistischen Terror erinnernde) Maßnahmen bei Orwell oder ‘sanfte’ (auf Bequemlichkeit, Konditionierung der Menschen sowie Eingriffe in die Keimbahn setzende) Manipulationsmittel bei Huxley. In einzelnen Aspekten kombiniert erscheinend in Bradburys Fahrenheit 451
  • Einzelne Außenseiterfigur bei Orwell und Samjatin, Aufteilung auf drei Figuren bei Huxley
  • Betonung der Auswegslosigkeit bei Orwell und Huxley – offenes Ende bei Samjatin.

Anmerkungen:

  • Als gänzlich nichtklassisch sind Romane zu betrachten, in denen eine Komplexitätsreduktion vorliegt – obwohl es sich hierbei durchaus, wie im Falle von Goldings Herr der Fliegen, um Anti-Utopien handeln kann

Ein weiterer Konstituentenkatalog des dystopischen Genres findet sich in der Definition des Genres. Dort wird sich ausführlicher mit der Frage “Was ist eine Dystopie?” auseinandergesetzt.

*Dieser Konstituentenkatalog folgt weitgehend Elena Zeißler, Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Schon 3 Kommentare zu: Merkmale der klassischen Dystopie

  1. Mir fehlt hier total die poetologische Komponente. Ein wesentliches Merkmal, dass etwa 1984 dem samjatischen “Wir” voraus hat: Kritik der Sprache. Ausserdem der ins Groteske überzeichnete Entwurf des “Neusprech”. Da ist Colockwork Orange etwa auch ganz vorne mit dabei, und Jünger mit seinem seltsam-reaktionären, aber ganz eigenen, fremdwörtervermeidenden aber gleichzeitig auch vergessene Wörter der Vergessenheit enthebenen Stil.

    • Unter “Motiven” findet sich aber an erster Stelle was dazu.

  2. “Sprache als Manipulations- und Kontrollwerkzeug des Staates” – und das solls gewesen sein??
    wie gesagt, das reicht mir nicht. Der Autor muss die Unwirklichkeit der Dystopie durch eine entsprechend andersartige Sprache vermitteln, den Leser immer wieder zurückschrecken lassen.
    Am Anfang erscheint das Werk noch als eine gemütliche Erzähung, dann wandelst sich die Artikulation, irgendwann fühlt man sich dann von verdrehten Begriffen übermannt. Das ist die große Kunst der dystopischen Erzähler, dass sie mit der Sprache auch das Denken des Lesers in eine völlig durchgeknallte Welt führen. . .

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