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Rezension zu John Wyndhams Invasionsroman ‘Wenn der Krake erwacht’
Eine Buchbesprechung von Rob Randall
John Wyndham ging es nicht anders als vielen seiner Zeitgenossen zu Beginn des Kalten Krieges: Ihm hatten es Ufos und Invasionen fremder Intelligenzen einfach angetan. Wie schon in Es geschah am Tage X (1957) machen sich dementsprechend auch in Wenn der Krake erwacht (1953) Außerirdische daran, unseren Planeten zu erobern – und wie in Die Triffids (1951) gelingt es der menschlichen Spezies gerade noch einmal, die Angreifer – die diesmal allerdings den Umweg über das Meer wählen – abzuwehren.
Wie in Es geschah am Tage X schildert der Ich-Erzähler retrospektiv die sich über mehrere Jahre erstreckenden Ereignisse. Allerdings gelingt es Wyndham diesmal in viel besserem Maße, den Leser an den Text zu fesseln. Grund dafür ist zum einen die geradezu Lovecraft’sche Erzählhaltung, die in beängstigend ruhigem und reflektiertem Ton die verhängnisvollste Ereignisse wiedergibt und schon in den ersten Sätzen des Romanes deutlich zu Tage tritt:
Es ist merkwürdig, aber praktisch alle Leute behaupten von sich, verlässliche Augenzeugen zu sein – und doch kursieren oft die unterschiedlichsten Versionen von ein und dem selben Vorfall Beinahe die einzigen Menschen, die ich kenne und die Wort für Wort darin übereinstimmen, was sie in jener Nacht des 15. Juli beobachtet haben, sind Phyllis und ich. Und da Phyllis zufälligerweise meine Frau ist, erklärten die Leute später – hinter unserem Rücken natürlich, wie es so ihre freundliche Art ist -, sie hätte sich von mir etwas einreden lassen; ein Gedanke, der allerdings nur jemandem kommen kann, der Phyllis nicht kennt. Folgende Tatsachen stehen fest: die Zeit, nämlich 23.15 Uhr; der Ort: 35° nördlicher Breite, ungefähr 24° westlicher Länge; das Schiff: Die Guinivere; Anlass und Gelegenheit: unsere Hochzeitsreise.
Ausgehend von den sich seit 1947 häufenden UFO-Sichtungen entwirft Wyndham ein schleichendes Invasionsszenario, das sich zwar explizit von Wells Krieg der Welten absetzen will, dennoch aber, wie zurecht angemerkt worden ist, stark an diesen berühmten Vorgänger erinnert. Und das nicht nur, weil die Invasoren, die sich zu Beginn noch mit Tauchglocken und Hochseeschiffen zufrieden geben, bald mittels gepanzerter Fahrzeuge und Biotechnik Jagd auf die schmackhaften Bewohner der tropischen Küstengegenden machen. Die Schilderung dieser nächtlichen Angriffe durch die Augen des Ich-Erzählers, der als Journalist vor Ort ist, gehört mit Sicherheit zu den stärksten Stellen des Romans und besitzt – nicht nur aufgrund des Alters des Textes – eine Menge Charme.
Eine schleichende Apokalypse
Streckenweise kriecht die Handlung des Romans allerdings genauso langsam ihrem Höhepunkt entgegen wie die rätselhaften Aliens ihrem Frühstück – und das obwohl vor allem die Amerikaner schnell mit energischen aber vergeblichen Maßnahmen zur Hand sind (und da der Roman in den 50ern verfasst wurde, versteht man darunter den Einsatz von Atombomben). Unter der Untätigkeit und Borniertheit der englischen Behörden sowie der Bevölkerung leiden eben nicht nur der Protagonist und seine Frau, sondern auch nach und nach der Leser. Dieser Eindruck verstärkt sich zudem noch, wenn ein weiser Professor in geradezu prophetischer Weitsicht immer wieder die nächsten Schritte der Invasoren voraussagt, die Öffentlichkeit aber stets und immer wieder nicht auf den bemitleidenswerten Rufer in der Wüste hören will.
Wyndham entschädigt den Leser dafür später wieder mit einem bemerkenswert gelungenem Untergangsszenario – und letzteres ist im wortwörtlichen Sinne zu verstehen. Denn wie in Der Schwarm beginnen die evolutionären Gegner der Menscheit am Klima herumzuspielen und schmelzen nach und nach mittels fortgeschrittener Technik (was in den 50ern Atomkraft bedeuten soll) die Polkappen ab. Im Vergleich mit Stephen Baxters Die letzte Flut beweist Wyndhams Text, dass man das trostlose Szenario eines langsam in den Fluten versinkenden Londons auch mit wenigen Worten, dafür aber eindringlich und fesselnd beschreiben kann.
Am Ende lacht dem Sieger das Leben

Genau so könnten sie aussehen – oder eben halt auch ganz anders (CC-By-SA 3.0)
Dem Zeitgeist geschuldet ist (nach Millionen von Toten) natürlich das Happy-End, in welchem sich Deus-ex-Machina der Homo sapiens sapiens seiner zwei Adjektive im Kampf mit den Tiefseebewohnern doch noch als würdig erweist. Rätselnd bleibt der Leser nur hinsichtlich des (nicht nur deutschen) Titels zurück: Denn bezüglich des Aussehens des Feindes tappt er genauso im Dunkeln wie die Figuren. Dementspechend ist es nicht nur nachvollziehbar, sondern durchaus auch sinnvoll, dass die Neuauflage von The Kraken wakes unter dem Titel Die Kolonie im Meer erschienen ist. Auch wenn damit der vom Autor intendierte Bezug zu Alfred Tennysons Gedicht The Kraken verlorengeht.
Fazit
Wyndhams Roman Wenn der Krake erwacht wird durchaus zurecht als ein Klassiker des Science Fiction, (genauer: des Subgenres der Alieninvasion) bezeichnet, selbst wenn er hier und da ein paar kleine Schwächen aufweist. In den 60 Jahren, die seit seiner Entstehung vergangen sind, hat er kaum etwas von seinem Charme verloren. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.