Peter Schwindt: Schwarzfall

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Schwarzfall – Was ist die Welt ohne Strom

Eine Buchbesprechung von Stefan Cimander

Es ist ein beklemmendes, gleichzeitig auch ein aktuelles Szenario, dass Peter Schwindt in seinem Thriller Schwarzfall entwirft.

Seit drei Monaten hat es nicht mehr geregnet. Die Temperatur sinkt kaum unter dreißig Grad. Die Pegel der Flüsse sinken und die Temperatur der Gewässer steigt. Wasser, das die Kraftwerke zum Kühlen benötigen. Immer weniger und wärmeres Wasser steht einem gestiegenen Strombedarf gegenüber. Dieser resultiert u.a. aus der Verbreitung von Klimaanlagen. Immer mehr Klimaanlagen brauchen immer mehr Strom. Noch dazu fallen Überlandleitungen wegen Waldbränden aus. Die Last verteilen die Stromerzeuger auf die verbliebenen Leitungen. Fällt ein Kraftwerk aus, müssen andere die gestiegen Last aufnehmen. Irgendwann gehen mitten in der Nacht die Lichter aus – und sie bleiben aus. Nun zeigt sich, dass die Zivilisation, wie wir sie kennen, ohne Strom (fast) nicht mehr existent ist. Fahrstühle, Telekommunikation, Eisenbahnen, Abgaslüftungen in Tiefgaragen, Geldautomaten, Wasser- und Abwasserpumpen, … alle diese selbstverständlichen Dinge funktionieren nicht mehr und führen im Besten Fall zur Einschränkung der Lebensqualität, im Schlechtesten zu Verletzten und Toten.

Menschen in der Katastrophe

Die Geschehnisse spielen in Seckbach, einem Stadtteil am Rande von Frankfurt am Main, und in der Stadt selbst. Schwindt erzählt die Geschichte der bürgerlichen Familie Hellmann (Harald, Claudia und den Söhnen Lukas und Malte), von Patrick, Jessica und Marvin die am sozialen Rand der Gesellschaft leben und von Dr. Katharina Debus, einer Ärztin in einem Krankenhaus – natürlich kreuzen sich die Wege der drei Gruppen. Beispielhaft stehen diese drei Gruppen auch für drei unterschiedliche Reaktionsweisen auf die Krise.

Während die Ärztin Katharina Debus sich, neben der Sorge um die demenzkranke Mutter, im Krankenhaus um die Opfer des Stromausfalls kümmert, verkörpert Patrick den oft aggressiven, von Hartz IV lebenden „Verlierer“ – würde man wohl sagen. Zwar ist er nicht der hirnlos agierende Chaot, jedoch ist er Dingen wie Raub, Einbruch, Gewalt und Überfall nicht abgeneigt. Der Waffennarr Harald Hellmann sieht in dem Stromausfall die Chance sein Ego, insbesondere jedoch sein Streben nach Macht über andere auszuleben. Er gründet die so genannte Nachbarschaftshilfe, die den besseren Teil Seckbachs vor den „Asozialen“ aus der Atzelbergsiedlung beschützen soll. Als Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe bestimmt Harald Hellmann, wer etwas von den (akquirierten) Lebensmitteln bekommt, die er in seiner Garage hortet.

Ist kein Strom da, bleiben nur noch Kerzen als Lichtspenden übrig. Im Gegensatz zu batteriebetriebenen Geräten brauchen sie keinen Strom um Licht zu spenden.

Alle drei zeigen mögliche Reaktionsweisen: Altruismus, (gewalttätiges) Chaos und (gewalttätige) Abgrenzung. Auf der einen Seite führt der Stromausfall zu blinder Zerstörungswut. Diese Wut richtet sich gegen alle und alles. Dummerweise natürlich auch gegen die eigene, zum Leben benötigte Infrastruktur. Hans Magnus Enzensberger hat diese Reaktion – ohne das Vorhandensein einer Krise – einmal als den molekularen Bürgerkrieg bezeichnet. Auf der anderen Seite grenzen sich die (vermeintlich) besseren Teile der Gesellschaft mit Waffengewalt in so genannten „Gated Communities“ ab. Eine Reaktion die auch ohne Krise in vielen Gesellschaften zu beobachten ist. Beide Seiten stehen sich prinzipiell unversöhnlich gegenüber. Im Buch sind dies die Atzelbergsiedlung und der „bessere“ Teil von Seckbach. Natürlich gibt es auf beiden Seiten auch anders denkende Positionen.

Ein realistisches Szenario

Aktualität gewinnt das Buch vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion um die Vulnerabilität (d.h. Verletzbarkeit, Verwundbarkeit) kritischer Infrastrukturen. Die Achillesferse jeder funktionierenden Infrastruktur ist die Energieversorgung. Das zeigt Schwindt insbesondere an den Problemen, die in einem Krankenhaus entstehen, wenn zu wenig Strom da ist.

Aber auch Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste bzw. im weiteren Verlauf auch die Bundeswehr sind auf Strom angewiesen. Dazu kommt, dass Selbstverständlichkeiten wie Wasser- und Abwasserversorgung, Lebensmittelversorgung auch vom Strom abhängig sind. Gerade die Entsorgung allzu menschlicher Bedürfnisse wird zu einem hygienischen Vabanquespiel, gerade in dem Moment, als es zu Regnen beginnt, und die vollkommen vertrocknete, bockelharte Erde die Wassermassen nicht aufnehmen kann. Neben der Verbreitung von Ratten, breiten sich dann Krankheiten aus, die die meisten Deutschen nur aus den Nachrichten kennen: Cholera und Typhus.

Abhängigkeiten der Gesellschaft und Reaktionsweisen der Bevölkerung stellt Schwindt im Rahmen der literarischen Perspektive gut dar. Gerade die Abhängigkeit der Infrastruktur von Strom und den daraus resultierenden Konsequenzen ist mehr als realistisch dargestellt. Dabei kommen auch Anspielungen auf gesellschaftlichen Diskussionen bzw. Verwerfungen, wie die Verbreitung von Schusswaffen, Demenz und Pflege, Bundeswehreinsatz im Inneren, Erziehung von Kindern durch Playstation und Co., Vorurteile und Hass gegenüber Ausländern (Türken, Spätaussiedler) und das Outsourcing nicht zu kurz. Am Rande erwähnt sei auch, dass ohne die nächtliche Lichtverschmutzung die Stadtbevölkerung den ihr nahezu unbekannten Sternenhimmel sieht.

Dass Behörden und Organisationen, wie Polizei und Feuerwehr, in einer derartigen Krise überfordert sind, ist realistisch dargestellt. Gerade aus dieser Überforderung entstehen rechtsfreie Räume, die zu oben genannten Reaktionen führen. Auch Krankenhäuser sind einer solchen Krise nur schwer gewachsen, wie Schwindt deutlich herausstellt.

Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, wie die Katastrophe von New Orleans oder der Stromausfall im Münsterland infolge lang anhaltender Schneefälle, waren dem von Schwindt entworfenen Szenario sicherlich ein Vorbild. Fachlichen Rat bekam Schwindt außerdem von Dr. Rudolf Kreutzer, dem Leiter des Kompetenzzentrums für Risikomanagement am Allianz Zentrum für Technik.

Taschenlampen eignen sich nur bedingt als Lichtreserve, da Batterien endlich sind und in der Regel in den Haushalten in nicht großen Stückzahlen vorgehalten werden.

Schwindt schreibt insgesamt sehr dicht, die Zeichnung der Charaktere kommt dabei nicht kurz, gerade im Hinblick auf die Darstellung der gesellschaftlichen Verwerfungen. Dies führt zu einer spannenden Erzählung. Jedoch stört die Schnelligkeit der Handlung. Gerade weil Schwindt auf viele Aspekte eingeht, die in einer derartigen Krise zu einem unberechenbaren Faktor werden können, wirkt vieles gehetzt, zu wenig erklärt und abgehackt. Schwindt bricht einigen Stellen die Erzählung ab, wo der Leser weitere Erörterungen erwartet. Gerade die Vulnerabilität von kritischen Infrastrukturen wird zu Gunsten der Darstellung der Charaktere und durch Seitenhiebe auf gesellschaftliche Diskussionen vernachlässigt.

Auch inhaltlich bleiben einige Aspekte rätselhaft. Trotz der Abhängigkeit vom Strom, scheint das Senden von Radiosendungen immer zu funktionieren. Bei einem großflächigen Stromausfall sind aber gerade die Radiostationen und die für die Weiterleitung der Radiowellen notwendigen Infrastruktur ebenfalls betroffen. Auch die Annahme, dass es kaum eine Bevorratung von Treibstoff gibt, scheint angesichts der tatsächlichen Vorräte unrealistisch. Insbesondere der von Schwindt als Kausalität konstruierte Zusammenhang von Treibstoff und Strom leuchtet nicht ein.

Fazit

Trotz aller Kritik ist Schwarzfall mehr als zu empfehlen, zeigt es doch in beeindruckter Weise, wie abhängig wir vom Strom sind, und welche Folgen ein landesweiter Stromausfall hat. Schwindt wirft indirekt auch Fragen auf, die sich um die privaten und staatlichen Vorbereitungen auf eine solche Krise drehen. Immer wieder ist zwischen den Zeilen die im ganzen Buch unausgesprochene Frage zu lesen, ob wir psychisch und technisch auf eine solche Krise vorbereitet sind. Insofern ist das Buch ein Appell sich um die Vorsorge zu kümmern.

Die Rezension von Stefan Cimander ist zuerst auf FWNetz erschienen.

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