R. C. Sherriff: Der Mond fällt auf Europa

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Rezension zu R. C. Sheriffs Roman Der Mond fällt auf Europa

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Der Untergang der westlichen Zivilisation ist nicht zwangsläufig eine todernste Angelegenheit – den Beweis dafür erbringt R. C. Sherriffs Roman Der Mond fällt auf Europa, der 1939 unter dem Titel An Ordinary Man erstmals erschien. Und das hat nicht wenig mit jenem “Durchschnittsmenschen” zu tun, dessen sehr persönlich gefärbte Schilderung in einer ausgebuddelten Thermoskanne gefunden wird. Sie ist so sogar so subjektiv gehalten, dass sich die abessinischen Gelehrten des 29. Jahrhunderts eines editorischen Seitenhiebs auf den Verfasser des sogenannten Hopkins-Manuskripts nicht enthalten können.

Zur Verteidigung Edgars

Das Unverständnis der Historiker der Zukunft dürfte vor allem auf zwei Dinge zurückzuführen sein: Zum einen verfügen sie über nicht genügend Kenntnisse über die Feinheiten der britischen Hühnerzucht, um Edgar Hopkins Verdienste auf diesem Felde ausreichend würdigen zu können, zum anderen wissen sie offenbar auch nicht, dass der Ich-Erzähler – wie übrigens viele andere Bewohner des kleinen Dörfchens Beadle auch - keine ungewöhnliche Erscheinung in der angelsächsischen Literatur ist. Zugegeben: Dieses höchst britische Unikum ist nicht nur recht eigenbrötlerisch, sondern neigt auch zur Profilierungssucht. Paradoxerweise dürfte gerade letzteres auch der Grund dafür sein, dass Edgar Hopkins sein Wissen vom  bevorstehenden Untergang nicht sofort hinausposaunt, sondern sich vielmehr an seiner neuen Rolle als Geheimnisträger erfreut, die ihm als zahlendem Mitglied der Königlich Britischen Mondgesellschaft zuteil geworden ist. Ja sicher: Ihm gehen als ehemaligem Schulmeister auch jene Feinheiten ab, die jahrhundertelanger Herausbildung bedürfen und die man an Sir Pelham Grenville Wodehouses Figuren so schnell liebgewinnt – dafür ist er aber ein zutiefst ehrlicher Mann, der sich wirklich um seine Mitmenschen sorgt, wenn er seine Eremitage erst einmal verlässt:

Wir waren immer ein freundliches, friedliches Dörfchen gewesen, aber ich hatte bisher nie ein so festes Band der Kameradschaft verspürt… Die Männer riefen einander bei ihren Spitznamen, und ich war fast versucht, John Briggs, dem Zimmermann, zu sagen, dass ich Edgar hieße. Nach längerer Überlegung beschloss ich, es zu unterlassen, denn wenn am 3. Mai nichts Schlimmes passierte, würde es ihm schwerfallen, zu dem pflichtgemäßen ‘Sir’ zurückzukehren.

Und als die Nachricht, dass der Mond aus unbestimmten Grund auf die Erde stürzt, im Königreich endlich bekannt wird, fängt sich Edgar doch recht schnell wieder, obwohl er von den Verantwortlichen nicht – wie eigentlich monatelang erwartet – zu gehobenen Aufgaben beim örtlichen Bunkerbau herangezogen wird, sondern diese ihm nur eine schnöde Schubkarre – wie oben deutlich wird –  in die Hand drücken. Er nimmt es keinem von ihnen persönlich übel (vom Wichtigtuer Dr. Hax einmal abgesehen) und fügt sich sehr schnell in seine neue Bestimmung. Und er erhält sich trotz des drohenden Endes nicht nur seine positive Einstellung, sondern sorgt sich auch noch Jahre später, als er hungernd, frierend und krank im zerstörten London dahinvegetiert, um seine künftigen Leser:

Ich verbrachte den Abend mit der Vorbereitung einer kleinen Rede, zu der man mich auffordern würde, wenn meine preisgekönte Wyandotte-Henne Broodie zum 50. Male ihren Preis erhielt. Ich habe Broodie bisher in meiner Geschichte kaum erwähnt: Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihren Namen zurückzuhalten und erst an dieser Stelle ihren Ruhm zu verkünden; ich tat dies, um meine Leser zu überraschen, die vielleicht schon jetzt glauben, mit jedem Zweig meines Erfolges als Hühnerzüchter vertraut zu sein.

Gut, auch mir scheint es, als würde ihn der Tod seiner Mitbürger im Bunker, den er selbst nicht aufgesucht hat, weniger schockieren als die Tatsache, dass auf seiner Wiese ein riesiger Luxusliner liegt – da würde ich von meiner Regierung aber auch die sofortige Entfernung ihres Mülls im Rahmen der Aufräumarbeiten verlangen.

Als Leser erfährt man also – anders als die abessinischen Herausgeber behaupten – eine ganze Menge über England, vor und nach dem Untergang – aber eben aus einer spezifisch kleinbürgerlichen Sicht, die manche auch “kleinkariert” [1] nennen würden.

Zur Anklage Sherriffs

Die Geschichte, die uns Edgar erzählt, hat es seinerzeit sogar in das deutsche Feuilleton geschafft. In der Zeit wurde 1955 zurecht festgestellt, dass der Autor sich, nachdem er gezeigt habe, dass er “gagsicher” wisse, “was im Parkett lande” im zweiten Teil als “Zivilisationskritiker” offenbare. Dort werde die Geschichte endlich “diskutabel” – aber “bleiern”. Richtig ist: Sherriff wollte mehr als unterhaltsamen Klamauk erzählen. Aus diesem Grunde lässt er den überlebenden Europäern auch nur wenige glückliche Monate des gelingenden Wiederaufbaus, bevor sich ihre Armeen um die in den Überresten des Mondes entdeckten Rohstoffe gegenseitig zerfleischen, um dann den (offensichtlich immer) rachsüchtigen Orientalen anheim zu fallen, welche das zerstrittene Europa (schon wieder einmal) in einem wütenden Sturmlauf überrennen.

Deutlich hört man hier eine Warnung vom Vorabend des Zweiten Weltkrieges heraus. Dass hierzu noch einmal die asiatische Gefahr heraufbeschworen wird, wäre nicht nötig gewesen. Die Absicht, vor einem europäischen Bürgerkrieg zu warnen, ist zwar lobenswert, aber der Ruf kann angesichts der Gestaltung des ersten Teiles den Leser kaum noch wirksam erreichen, zumal sich der Text gegen Ende immer stärker in der reinen Schilderung von Abläufen verliert. “Bleiern” ist das noch nicht – dafür ist Sherriffs Stil auch viel zu gut. Mit jener Form des Erzählen geht aber der Verlust der gestalterischen Einheit einher – dem humorvollen lockeren Erzählen zu Beginn steht der zunehmend ernster werdende Ton des Schlusses gegenüber, der den Leser kaum noch erreichen dürfte.

Dass für den anvisierten Zweck des zweiten Teils wissenschaftlichen Erkenntnisse – auch der damaligen Zeit – gehörig ausgeblendet werden müssen, kann der aufgeklärte Leser von heute noch eher verschmerzen.

Fazit

So sehr man über den ersten Teil dieses Science Fiction Romans  - insbesondere wegen der gelungenen Hauptfigur – lachen und schmunzeln kann, so wenig überzeugend gerät der zweite Teil, der in seiner Absicht den Leser nicht mehr erreicht. Trotzdessen gehört Sherriffs Roman mit Sicherheit zu den besseren und lesenswerten des Genres – weil die letzten 100 Seiten die Wirkung der vorhergehenden 400 nur noch wenig schmälern können.

[1] So geschehen in: Alpers, Fuchs, Hahn [Hg.], Reclams Science Fiction Führer, Stuttgart, 1982.

Schon 2 Kommentare zu: R. C. Sherriff: Der Mond fällt auf Europa

  1. Klasse, das kannte ich noch gar nicht. Leider nicht mehr erhältlich (außer gebraucht). Hätte ich bei uns im Laden gerne ins Sortiment aufgenommen.

    • Das finde ich auch immer schade… Das ist ja leider das Los vieler lesenswerter Romane, die ein wenig älter sind…