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Rezension zu Andrea Schachts Jugendroman “Kyria & Reb – Bis ans Ende der Welt”
Eine Buchbesprechung von chaosbaerchen
Kyria & Reb – Bis ans Ende der Welt ist der erste Teil eines dystopischen Fortsetzungsromans von Andrea Schacht (Jahrgang 1956), die vor allem mit ihren historischen Romanen bekannt wurde.
Der zweite Teil der Reihe „Kyria & Reb – Die Rückkehr“ ist am 10. Januar 2013 im Verlag Egmont INK erschienen.
Die Welt des Romans
Wir schreiben das Jahr 2125 und die Welt hat sich nach einer großen Mumps-Pandemie, die bereits 1975 grassierte, sehr verändert. Viele Männer wurden unfruchtbar und die Frauen erholten sich überdies deutlich schneller von der Krankheit und eroberten schließlich die Macht. Es entstand das Vereinigte Europa (New Europe, kurz NuYu), eine matriarchalische Gesellschaft, mit der Hauptstadt La Capitale, ehemals Frankfurt am Main. Fortan waren es die Frauen, die in Politik und Wirtschaft das Sagen hatten. An die Stelle der Kirche trat der Matronentempel mit Ma Donna Saphrina an der Spitze, der Hohepriesterin und Inkarnation der Großen Mutter. Männer wurden von klein auf mit Medikamenten im Zaum gehalten, die ins Essen gemischt wurden, um den Testosteronspiegel niedrig zu halten. Dadurch wurden sie gefügig gemacht. Die damit einhergehende seelische und körperliche Verweichlichung war zweitrangig.
Jeder Bürger von NuYu wird überwacht. Das ID, ein kleiner Chip mit ständigem Hautkontakt, registriert alles, was seinen Träger ausmacht und zu dessen Identifikation wichtig ist – vom Finanzwesen, über das Gesundheitswesen bis hin zum Berechtigungsstatus mit Privilegen.
Alle, die bei der Gründung NuYus damals mit dem neuen System nicht einverstanden waren, haben ihre Unabhängigkeit in sogenannten Reservaten außerhalb der Grenzen von NuYu bewahren können. Allerdings ist hier aufgrund der geringen finanziellen Mittel der technische Fortschritt in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts stehen geblieben, wohingegen sich in Nuyu alles rasant weiterentwickelt hat. Wer gegen das System rebelliert, der lebt entweder als Verstoßener (Subcult) im Untergrund von NuYu oder aber er flieht in die Reservate. Außer dieses Subcults unterscheidet man in NuYu die Electi (die Mächtigen in Politik und Wirtschaft), die Amazonen (Polizei) und die Civitates (das gemeine Volk).
Der Inhalt
Die 17jährige Protagonistin Kyria ist als Tochter einer mächtigen Politikerin eine Electi und als solche sehr behütet aufgewachsen. Ihr Vater ist kurz vor ihrer Geburt an einem Gendefekt gestorben, den Kyria geerbt haben soll. An ihrem 18. Geburtstag erfährt sie von ihrem baldigen Tod und diese Information weckt ungeahnte Kräfte in ihr. Sie will ihre letzten Tage in Freiheit bei ihrer Freundin Hazel im Reservat verbringen. Dazu muss sie allerdings erst mal die Grenzen NuYus überwinden. Sie trifft schließlich zum perfekten Zeitpunkt im Heilungshaus, wo sie sich wegen ihres Gendefektes häufig aufhält und wo sie auch drei Jahre zuvor Hazel kennengelernt hat, auf Reb, einen Rebell und Subcult, der sie bei ihrer Flucht begleitet und unterstützt…und den sie kennen und lieben lernt.
Beurteilung
Ich bin zwiegespalten. Das Buch ist weder eine seichte Liebesgeschichte, wie das Cover einem suggerieren möchte, noch eine typische Dystopie, da die Wurzel der Systemneustrukturierung in die Vergangenheit gelegt wurde, so dass es weniger eine Zukunftsvision als vielmehr eine in die Zukunft gesponnene Geschichte ist.
Sowohl die Ich-Erzählerin Kyria als auch der zweite Hauptcharakter Reb werden nicht besonders detailliert skizziert, weder vom Äußeren her, noch von ihrer Persönlichkeit. Alles bleibt relativ oberflächlich, was durch die saloppe Sprache noch unterstützt wird. Man erfährt im Grunde nur, dass Reb ein stereotypischer Rebell und Frauenheld ist und dass Kyria ebenfalls voll dem Klischee einer „Elitezicke“ entspricht: groß, blond, schlank und total verwöhnt. Auch wenn Kyria im Angesicht des Todes um jeden Preis zu Hazel will, sperrt sie sich auf der Flucht mit Reb anfangs ziemlich. Aber dann ganz plötzlich wandelt sie sich und macht eine dauerhafte (!) charakterliche 180°-Wende – und genau diese Wandlung fand ich ziemlich unglaubwürdig.
Die Beschreibung des Matriarchats hat bei mir mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Das parallel existierende „alte“ System in den Derivaten schneidet im Vergleich besser ab, einfach weil es dort menschlicher zugeht und Familie und Freunde anders als in NuYu einen angemessenen Stellenwert haben. Das stellt allerdings die Machtkompetenz der Frau deutlich in Frage und letztlich kommt als Botschaft rüber, dass Frauen im Haushalt einfach am besten aufgehoben sind. Mir ist das viel zu undifferenziert und zu schwarz-weiß gedacht.
Fazit:
Ich habe den ersten Teil von Kyria & Reb nichtsdestotrotz gerne gelesen, aber vom Hocker gerissen hat er mich nicht. Dazu wurde zu viel nur angerissen und offen gelassen – oder aber zu schwarz-weiß dargestellt. Das Buch hat einfach keinen Tiefgang, es plätschert so dahin. Dabei hat der Ansatz durchaus Potential und vielleicht wird dieser ja im zweiten Band besser ausgenutzt.