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Vom Verschwinden: Guido Morsellis Dissipatio humani generis oder Die Einsamkeit
Eine Buchbesprechung von Rob Randall
Ein Individuum, das seinen Ort nicht mehr unter Menschen finden kann und will und das sich in seiner Einsamkeit radikalisiert, wählt verbittert: Die Auflösung im Nichts. Das Gehen ohne Spuren zu hinterlassen. Dem Schreibenden jedoch stehen neben dem Suizid noch andere Wege offen: Die absolute Einsamkeit oder die Dissipatio humani generis.
Den letzte Weg hin und zurück gegangen?
Als der Selbstmordversuch des namenlosen Protagonisten in der Nacht auf seinen 39. Geburtstag misslingt, ist die Menschheit verschwunden. Zwischen Verblüffung, Genugtuung und Grauen schwankend sucht Guido Morsellis “Held” noch einmal jene Orte auf, von denen er sich vor Jahren abgewandt hat. Er sucht nicht nach den Ursachen des Verschwindens aller Menschen – er vergewissert sich seiner. Zurückgeworfen auf sich selbst begegnet er in Gedanken jenen Menschen, die für ihn bedeutsam waren. Er sitzt in ihren Sesseln und liegt in ihren Betten. Spricht in Erinnerungen noch einmal mit seinem längst gestorbenen Therapeuten, den er nun als seinen einzigen Freund erkennt: Über seine Erinnerungsstörungen, die ihn glauben lassen, was nicht war. Die Existenz fragil, die ganze Situation suspekt: Ist der Suizid vielleicht nicht doch gelungen? Und die Wand des Sees der Einsamkeit zu steil, um sie zu erklimmen? Und war nicht Blut auf dem Kopfkissen neben Hand mit der Waffe?
Wie immer schon: Mit sich allein
Solipsistisch kreist nicht nur das Erinnern und Sinnieren um sich selbst, das Leben und was die anderen Menschen noch und doch dem Letzten Menschen waren, sondern auch der Stil: Er ist niemandem mehr verpflichtet als dem idealen Leser – denn eine Begegnung mit dem Anderen findet nur noch in Gedanken statt. Keine Eva mehr, die durch die vereinsamten Täler den steilen Weg nach außerhalb und oberhalb, zur Eremitage – ich wage es: – des Künstlers findet. Dabei war selbst Arno Schmidts Held (also er selbst) mit sich nicht immer ganz allein. In der absoluten Einsamkeit noch einmal das Elitär- und Bildungsbürgerliche an den Kopf gesetzt zur Selbstanalyse: Nein, ich bin kein komischer Alceste, der Misanthrop, ich bin, mit Unterbrechungen, phobanthrob, ich habe Angst vor Menschen wie vor Ratten und den Stechmücken, wegen des Unheils und der Ärgernisse, die er unermüdlich produziert.
Vergehen, Strafe und Rache
Zunehmend ist sicher: Die selbstgewählte Einsamkeit war Vorstufe dessen, was da am 2. Juni kommen sollte: Die leeren Straßen, leeren Hotels und verlassenen Banken der goldenen Stadt Chrysopolis. Die Börse. Der Flughafen. Der Markt. Immer deutlicher fallen in der Rückbesinnung und Sich-Erkennen die Isolation des Selbst, das Verschwinden der Menschen als selbstgewählter Tod in eins. Der Rückzug aus dem Geschäft der Welt war kein Ausweg. Der Gang in den See auch nicht. Die Rückkehr in die Hüllen der Stadt ist es längst nicht mehr. Da ist kein Anderer.
Eine rein körperliche Welt, die nur an das Greifbare glaubt, wird entkörpert. ‘Contraria per contraria expiantur’. – Aber ich habe Sühneakte nie gelten lassen. Entweder Strafe oder Rache, und zwar auf zeitlicher Ebene und nicht auf einer höheren. Aber wer sühnt und wer rächt, wer gegangen ist oder geblieben, ob erwählt wurde oder bestraft, ist unsicher… wie immer bleiben die Antworten auf unsere wichtigen Fragen aus. Es bleibt nur: Das absurde Warten am Rand des Wegs auf den einen, den man meint erkannt zu haben und von dem man hofft, dass er noch kommen soll. (Fatica inutile. Non rispondono.)
“Eine Flaschenpost”
Dissipation humani generis oder Die Einsamkeit war Guido Morsellis letzter unveröffentlicher Roman. Er nahm sich am 31. Juli 1973 das Leben. Sein erzähltechnisch wie stilistisch äußerst bemerkenswertes Werk, das den Rezipienten nicht wenig fordert, erschien, wie auch alle seine anderen Romane, wenig später auf italienisch und in zahlreichen anderen Sprachen.