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Gelb von Jeff Noon: Ein futuristischer Drogentrip durch ein surreales Manchester
Eine Buchbesprechung von K. O.
Wie soll man dieses Buch überhaupt rezensieren? Eigentlich eine unmögliche Aufgabe, dennoch fühle ich mich berufen diesem außergewöhnlichen, man möchte sagen einzigartigen (und eigentlich bin ich kein Freund von Superlativen) Trip einem breiteren Publikum vorzustellen.
“Ein Junge steckt sich eine Feder in den Mund…”
So beginnt eine irrsinnige, surreale Achterbahnfahrt durch die Straßenschluchten eines finsteren Manchester, irgendwann in einer unbestimmten Zukunft. Der Protagonist des Romanes, Scribble, ist mit seiner Gang, den Stash Riders, unterwegs, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der nächsten Feder, dem nächsten Vurt. Feder? Genau! Die ultimative Droge der Zukunft kommt in Federn der verschiedensten Farben. Und jede Farbe steht für ein anderes Genre: Blau für legal, Schwarz für Horrortrips, Rosa für Pornos usw. Die Gefährlichsten unter Ihnen sind jedoch die seltenen gelben Federn, in welchen man, ganz real, sterben kann. Und genau eine Solche ist das ultimative Ziel Scribbles´ Odyssee. Auch die Wesen, die diesen Moloch von Stadt bevölkern, sind recht bizarr-sie alle tragen Anteile von Shadows (Telepathen), Cyborgs, Vurt und Hunden (!) in sich, nur die Wenigsten können sich noch als “reinrassig” bezeichnen.
Vurt – Die Droge der Zukunft
Was ist Vurt? Eine suchterzeugende Droge. Das Tor in eine andere Dimension. Ein entworfenes, verfeinertes, konstruiertes Produkt. Es ist wirklich sehr schwer zu erklären, zu keinem Zeitpunkt wird wirklich erläutert, was Vurt eigentlich ist, es gibt nur Andeutungen, Ahnungen, vage Hinweise – welche die Phantasie des Lesers abheben lassen. Man kann Dinge aus dem Vurt mitnehmen in unsere Welt, aber immer zu einem Preis – einer Art Tausch. Die “Balance” muss gewahrt bleiben und die meisten “Mitbringsel” aus dieser Welt/Dimension sind unbeabsichtigt in unsere Welt geraten.
Die Beweggründe des Protagonisten möchte ich aufgrund Spoilergefahr nicht näher erläutern, doch sind sie für den Leser glaubhaft und nachvollziehbar. Auf eine Art und Weise stellt er den “Intellektuellen” seiner Gang dar und verfügt über eine zerbrechliche, fast poetische Seite, welche er gegenüber seinen Junkiefreunden jedoch nicht zur Schau stellen kann. Er ist auf einer Mission, welche die plumpe Suche nach dem nächsten Kick durchzieht und übersteigt. Zwar kennen seine Wegbegleiter sein eigentliches Ziel, doch sind sie letzten Endes zu sehr mit sich und ihrem Verlangen nach dem nächsten Kick beschäftigt, um Scribble wirklich unterstützen zu können.
Jeff Noon bedient sich in seinem ersten Roman einer direkten, kurzen, unverblümten Sprache, einem trockenen aber harten Boxhieb ähnlich, nur selten durchzogen von Passagen poetischer Schönheit. Jedoch muss ich anmerken, dass der Roman bei seiner Übersetzung ins Deutsche recht viel von seiner sprachlichen Wucht verloren hat, daher möchte ich allen Interessierten an dieser Stelle das englischsprachige Original ans Herz legen. Wer nach dem Genuss dieses Buches noch nicht genug hat sollte sich zusätzlich Pixelsalat und Pollen von Noon gönnen. Diese drei Bücher stellen zwar keine Trilogie dar, spielen aber im selben Universum, speziell Pixelsalat bietet einen tieferen Einblick in die Welt von Gelb.
Fazit
Philip K. Dick und William Gibson haben gemeinsam ein Crackbaby adoptiert und aufgezogen – und es heißt Jeff Noon. So oder zumindest ähnlich fühlt sich Gelb für mich an: Man nehme Fear and Loathing in Las Vegas und Trainspotting zu gleichen Teilen, füge einen guten Schuss Blade Runner und einen Hauch Cyberpunk hinzu. Aber auch diese Beschreibung kann nur eine vage Annäherung darstellen. Man muss dieses Buch gelesen haben um es zu verstehen! Der Leser muss sich auf diese verrückte und surreale Welt einlassen, quasi selbst in das Vurt eintauchen. Die Einen werden diesen Roman nach 50 Seiten kopfschüttelnd in die Ecke pfeffern, die Anderen werden es lieben und immer wieder lesen wollen… und ich gehöre definitiv zu Letzteren!