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Justin Cronin – Der Übergang: Beginn einer spannenden Endzeittrilogie – getarnt als Mystery-Thriller
Eine Buchbesprechung von K.O.
Dieser Roman wurde mir von einer guten Freundin ans Herz gelegt mit den Worten: “Absolut tolles Buch! Du musst aber ein wenig Geduld damit haben!”. Wie recht sie mit diesem Satz hatte, sollte ich schon sehr bald herausfinden. Ich habe mich nicht lumpen lassen und mir den Ebook-Download für meinen Kindle gegönnt, aber es sollte geraume Zeit dauern, bis sich diese finanzielle Investition für mich als Leser “emotional” auszahlte. Aber jetzt erstmal ganz von Anfang an.
Optik=Mystery! Zielgruppe verfehlt?
Schon vor einiger Zeit hielt ich das mit über 1000 Seiten recht beeindruckenden Hardcover in den Händen, konnte mich allerdings nicht für dieses Buch erwärmen. Die Covergestaltung (das Gesicht eines geheimnisvollen Mädchens) und der kurz und “geheimnisvoll” gehaltene Klappentext schrien mich geradezu an: “Dies ist ein Mystery-Roman! Schönen Gruß aus der Twilight-Ecke, deine Frau wäre entzückt!”. Nein, definitiv NICHT meine Baustelle, ich sah mich selbst nicht als Teil der passenden Zielgruppe (weiblich, romanisch, mystisch). Wie sehr ich mich irren sollte fand ich nach spätestens ca. 350 Seiten und dem zeitweise aufkeimenden Verlangen dieses Teil von meinem Ebook-Reader zu löschen heraus.
Vampire verursachen das Ende der Welt
Die Protagonistin des Romanes ist das kleine, rätselhafte Mädchen Amy, welches mit mysteriösen Fähigkeiten ausgestattet ist. Wie diese im Einzelnen aussehen, wird jedoch über weite Strecken des Romanes bestenfalls nur angedeutet. Sie gerät in das Visier eines geheimen Regierungsprojektes, welches nicht weniger als die Unsterblichkeit des Menschen zum Ziel hat. Neben Amy sind noch zwölf “Probanden” in das Projekt eingebunden, zum Tode verurteilte Sträflinge die kein Mensch vermissen würde. Den weiteren Verlauf des Romanes möchte ich an dieser Stelle en detail nicht preisgeben. Nur soviel: Bereits die ersten ca. 100 Seiten strapazierten schon meine Geduld als Leser. Natürlich kommt es wie so wie es kommen muß: Das Experiment geht schief, die Probanden fliehen und läuten das Ende der menschlichen Zivilisation wie wir sie kennen ein. Als das erste Mal das Wort “Vampir” zu lesen war, konnte ich mir ein Augenrollen nicht verkneifen, Zweifel keimten in mir auf, ob ich nicht vielleicht doch einen Griff ins Klo getan hatte. Aber hier kann ich Entwarnung geben. Ja, die “Wesen” haben zwar Gemeinsamkeiten mit “klassischen” Vampiren, werden aber als teilweise telepathisch begabte, reißende Bestien dargestellt. So weit so gut. An dieser Stelle des Buches folgt der für mich erste große Kritikpunkt.
Während der ersten 350 Seiten schafft Cronin es wichtige Charaktere einzuführen und ihnen einen detaillierten Hintergrund zu geben. Der Leser wird emotional an die Protagonisten gebunden und die Geschichte mustergültig zugespitzt – um dann einen plötzlichen Bruch zu erhalten. Die Story macht einen hundertjährigen Zeitsprung, alle so liebgewonnenen und wichtigen Protagonisten sind weg. Die Geschichte fängt ebenso wieder bei (fast) Null an wie der Leser. Und es soll sehr lange dauern, bis das einzige Bindeglied zwischen “Davor” und “Danach”, nämlich das Mädchen Amy, wieder eine Rolle spielt.
Detailverliebt wie Stephen King
Der Autor, Justin Cronin, gibt sich sehr viel Mühe seiner Welt und seinen Protagonisten möglichst viel Tiefe zu verleihen. Oder kurz fomuliert: Er lässt sich Zeit. Sehr viel Zeit! Dermaßen viel Zeit, dass ich mir oft dachte: “Verdammt jetzt komm doch endlich mal zum Punkt!”. In seiner Detailverliebtheit erinnert mich Cronin häufig an Stephen King, eine Eigenschaft die ich bei beiden zeitweise als nervtötend empfinde. Tiefe und Detailliertheit in allen Ehren, aber muß man die Familiengeschichten von Nebencharakteren, welche eine eher untergeordnete Rolle spielen, bis auf vier Generationen zurück darstellen? Muß man jedes Blatt eines Baumes am Wegesrand beschreiben? Ihr versteht sicher was ich meine. Zu behaupten “Der Übergang” hätte keine Längen, wäre eine glatte Lüge! Eben diesen Längen und Details sieht sich der Leser nach dem obenstehenden “Bruch” gegenüber und Geduld ist definitiv angebracht, aber lohnenswert. Denn als die Story wieder an Fahrt aufnimmt will man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Zwischen Wissenschaft und dem Übersinnlichen
Der Übergang zeichnet eine Welt nach der großen Pandemie, den Überlebenskampf der wenigen verbliebenen Menschen und ihre Suche nach Hoffnung. Dieses Buch verlangt dem Leser viel Geduld ab, fesselt ihn aber mit seiner Tiefe, seinen Wendungen und der Fähigkeit des Autors die Neugier des Lesers immer wieder zu entfachen und am Lodern zu halten. Cronin vollführt einen Balanceakt zwischen wissenschaftlich geprägtem Thriller (zu Beginn des Buches) und metaphysich angehauchtem Endzeitszenario, und zwar so geschickt, dass es zu keinem Zeitpunkt peinlich oder albern wirkt. Auch das Thema Vampirismus wird jenseits aller halbwüchsigen Kuschelvampirromantik behandelt und schafft es, nicht im Kitsch zu versinken.
Fazit
Oft wollte ich dieses Buch weglegen. Doch der Sog der Ereignisse, die wirklich gut geschilderte postapokalyptische Welt… und die schiere Neugier haben mich immer weiter getrieben. Ich wurde nicht enttäuscht und habe eine wirklich spannende, fesselnde Story bekommen. Zugegeben, 150 Seiten weniger und eine straffere Story hätten Der Übergang sicher nicht geschadet, dennoch sitze ich nun händereibend in meinem patentierten Lesesessel und warte auf mein Rezensionsexemplar von “Die Zwölf”, dem zweiten Teil von Cronins “Passage Trilogie”. (Wink mit dem Zaunpfahl an den Admin!)