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Rezension von Koushun Takamis Battle Royale
Eine Buchbesprechung von Michael Gotsch
Wie man heutzutage zu Battle Royale findet
“Tribute von Panem ? Tribute von Panem! Lies lieber mal Battle Royale, das hat Suzanne Collins schließlich auch getan!” So ähnlich klang die erste von vielen Zurechtweisungen, die mich erwarteten, als ich meinen Freunden von den damals frisch erlebten Geschehnissen um Katniss und Panem berichtete. Ein Dämpfer? Weit gefehlt! Fröhlich habe ich die unerwartet ernste Entrüstung dieser Aussagen überhört und erfasst, was es zu erfassen galt – eine voraussichtlich grandiose Geschichte wartete darauf, gelesen zu werden.
Zum Inhalt
Furcht und Unterdrückung beherrschen die Bürger der Republik Großostasien, jenem totalitären Staat, der aus dem Bund von Japan und China hervorgegangen ist. Das Battle Royale (ein Experiment der Regierung) versinnbildlicht die Lage der allgemeinen Bevölkerung. Alljährlich wird nach dem Zufallsprinzip eine Schulklasse ausgewählt und auf eine einsame Insel verschleppt, auf der die Schüler gezwungen werden sich gegenseitig so lange zu bekämpfen, bis nur noch ein Überlebender übrig bleibt.
Shuya Nanahara, der sportliche und sympathische Fan illegaler Rockmusik ist einer dieser Schüler, der kaum das er in einem fremdem Klassenzimmer aufgewacht ist, auch schon mit ansehen muss wie sein bester Freund Yoshitaki Koninbu erschossen und dessen heimliche große Liebe Noriko am Bein verletzt wird. Kurz entschlossen fasst er den Plan, so viele Schüler wie möglich zu versammeln und gemeinsam die Inselbasis der Regierung anzugreifen oder – sofern die Möglichkeit besteht – zu fliehen. Zusammen mit Noriko, zu deren Schutz er sich nach dem Tod seines besten Freundes verpflichtet fühlt, und dem geheimnisvollem Shogo begibt Shuya sich auf die Suche nach seinen Schulkmeraden und muss erkennen, dass sich nicht jeder Schüler den Regeln des Spiels widersetzt und dass Vertrauen sowohl kostbar als auch tödlich sein kann.
Das wahre Steckenpferd…
… von Battle Royale ist jedoch nicht die packende und gut erzählte Geschichte, sondern vielmehr die Bindung, die der Leser zu den Figuren aufbaut. Selten geschieht es in dem Wirrwarr von über vierzig Toten, die Battle Royale letztlich verbuchen kann, dass einem das Ableben Einzelner nicht zu Herzen geht. Die Gedanken der Schüler in ihren letzten Stunden oder Minuten werden so realistisch und emotional dargestellt, dass der Leser sich davor ziert weiter zu blättern, da allzu emotionale Tiefe häufig mit dem baldigen Tod des Handlungsträgers einhergeht.
Erwähnt werden muss, dass die Gedanken der Figuren anfangs etwas reif und teilweise zu aufgeklärt für Schüler der neunten Klasse wirken. Diese Wesensarten sind jedoch auf die Vergangenheit der verschiedenen Figuren zurückzuführen. So hatten manche Schülerinnen gewalttätige Väter und/oder spielten bereits in jungen Jahren in pornografischen Filmen mit, während manche Jungen in Waisenheimen aufwuchsen und/oder sich kriminellen Gangs anschlossen. Diese Vorgeschichten klären jedoch nicht nur auf wirklich interessante Weise das Wesen der Jugendlichen, sondern führen sogar bis hin zu Verständnis und Mitleid gegenüber jenen, die sich entschieden haben, das Spiel zu spielen – und ihre Klassenkameraden zu töten.
Nachteile eines japanischen Romans
Zwei Probleme traten beim Lesen von Battle Royale für mich auf. Das erste war, dass die Übersetzung von Akiko Altmann ganze Massen an Fehlern aufwies. (Ich empfehle beim Kauf unbedingt darauf zu achten, welche Übersetzung von Battle Royale ihr erwerbt; sofern überhaupt andere Übersetzungen erhältlich sind). Das zweite Problem trat in Form der eigentümlichen japanischen Namen auf, die bei einer Anzahl von zweiundvierzig Schülern nur schwer zu merken und einzuordnen sind. Hinzu kommt, dass ich manchmal kurzzeitig nicht wusste, ob ich aus der Sicht eines Mädchens oder Jungens lese. Namen wie beispielsweise Mitsuru, Yuichiro, Kazuhiko, Kayoko, Mitsuko, Yoshimi und Chisato sind meiner Meinung nach nicht unbedingt leicht einzuordnen, doch lernt man schnell solche Nichtigkeiten aus dem Kontext heraus zu erschließen.
Der Schreibstil
Der Schreibstil Koushun Takamis wirkt im ersten Moment flüssig und nicht sonderlich ungewöhnlich, wenngleich das Intro (genannt: “Geschwätz eines Pro-Wrestling Fans in einer Parallelwelt“) einen lebendigen und teilweise recht konfusen Touch hat, was jedoch anhand der geschichtlichen Situation nachvollziehbar ist. Womit Takami wirklich punktet, sind die Dialoge der Schüler. Frei vom Zwang, seine Figuren akkurat reden zu lassen, verstärkt der Autor durch die jugendliche Sprache die Authenzität der Geschichte.
Fazit
Der Roman Battle Royale, der Anstoß zu mehreren Kinofilmen, Mangas und Comics gab, zählt zu den Büchern, die das Prädikat lesenswert mehr als nur verdienen. Wer jedoch erwartet eine japanische Version von Die Tribute von Panem lesen zu können, oder vielmehr das “Orginal” zu dem “Diebstahl geistigen Eigentums”, der irrt sich gewaltig, da Die Tribute von Panem sich intensiv mit der Gesellschaft und dem Kastensystem seiner Dystopie beschäftigt, während Battle Royale hauptsächlich die inneren ethischen Konflikte des Tötens und die Emotionen, denen am Rande des Todes am meisten Achtung geschenkt wird, thematisiert. Lediglich die einander teilweise ähnlichen Spiele fungieren als Bindeglied beider Geschichten.
Wer also eine Reise antreten will, die ihn durch die im Alltag unbenutzten Winkel menschlicher Gefühle führt und schließlich in der lässigsten Verwendung von Springsteens Hit Born To Run endet, dem lege ich den Kauf von Battle Royale dringend ans Herz.