Frank W. Haubold: Die Schatten des Mars

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Mars, Melancholie und Mystik. Frank W. Haubolds Die Schatten des Mars

Eine Rezension von Stefan Cimander

Haubold - Schatten des MarsAls „melancholische Dystopie“, beeinflusst von Ray Bradburys „Die Mars-Chroniken“, beschreibt Frank W. Haubold seinen Episodenroman Die Schatten des Mars, mit dem er 2008 den Deutschen Science Fiction Preis als besten Roman gewonnen hat. Treffender wäre wohl die Charakterisierung als „dystopische Melancholie“, denn obwohl sich dystopische Elemente durch das Buch ziehen, stets präsent sind, stehen diese nicht im Mittelpunkt, sie bilden eher den Ausgangspunkt oder den Hintergrund für die Erzählung der Biografien der Protagonisten, die gesteuert von einer seltsamen, mystisch-transzendenten Macht, von der Erde fliehen und auf dem roten Planeten ihr Heil suchen und finden.

Haubold erzählt in flüssiger, traurig-melancholischer Stimmung die Lebensgeschichten verschiedener, von der Realität gezeichneter Menschen, die ihr Leben lang von der Vision der mystischen gläsernen Stadt begleitet wurden, deren Ursprung der Mars ist. Die Lebenswege der Auserwählten kreuzen sich dort. Mit jedem neu erzählten Schicksal schreitet auf einer anderen Erzählebene die mit Hoffnungen verbundene Besiedelung des Mars und dessen Terraforming voran, zeigt zugleich jedoch eine ebenso kaputte Erde – in gesellschaftlicher, politischer wie klimatischer Perspektive. Die Einzelschicksale stehen sinnbildlich für den Untergang der Herrschaft der Menschen über die Erde: Krieg, Terrorismus, Leid gibt es zuhauf. Der Mars bildet das Sinnbild eines Neuanfangs im Frieden, obgleich die Marskolonisation ebenso katastrophal endet, wie das durch einen globalen Krieg ausgelöschte Leben auf der Erde.

So ausgestorben, wie sich der Mars den Menschen zeigt, scheint er in Wirklichkeit nicht, wie die von den Visionen auf den Mars gebrachten Kolonisten erkennen müssen. Eine uralte Macht, die sich spirituell-transzendent erhalten hat, gibt den Kolonisten Hoffnung und am Ende treten sie das Erbe der Marsianer an.

Selbst wenn Haubold seine eigene, originelle Geschichte spinnt, weist sein Buch manche Parallele zu Bradburys Werk auf. Bei Haubold wie Bradbury ist „Krieg“ ein im Hintergrund bestimmendes Thema und der Mars fungiert als „Insel der Glückseligen“ als Fluchtziel, als Brennpunkt der letzten Hoffnungen. War es bei Bradbury der Antagonismus zwischen Ost und West, ist es bei Haubold der Gegensatz zwischen moslemischer Welt und dem Rest der Welt, der am Ende die Erde in Schutt und Asche legt.

Haubold zeichnet seine überzeugenden Charaktere äußerst fein, intensiv und real, sodass der Leser mit den Protagonisten mitfühlt, sich ihn sie hineinversetzt und mitfiebert. Zunächst deutet bei der Erzählung der jeweiligen Biografie, nichts auf einen Science-Fiction Roman hin, weil stark im Jetzt und in allzu irdischen, bekannten und schrecklich gegenwärtigen Problemen verhaftet.

Vielleicht gerade weil sich der Roman streckenweise wenig science-fiction-haft liest, ist er lesenswert. Technik und Wissenschaft stehen nicht im Vordergrund, sondern der Mensch und seine Empfindungen. Die unaufgeregte, actionfreie Erzählweise entfaltet eine durchgängig eigene Spannung, die vom Mitfiebern und Mittrauern, den Emotionen und den rundweg unerwarteten Wendungen lebt. Als Leser ahnt man es während des Lesens, trotz Melancholie gibt es für die Protagonisten Hoffnung, indes nicht im Diesseits. Die moralische Intention, als Spiegel unserer Gegenwart, im Sinne des Bildungsbuches benötigt dagegen aufmerksames Lesen. Die Zeit, die der Leser ins Schmökern investiert, belohnt „Die Schatten des Mars“ mit einem auf seine gänzlich eigene Art anspruchsvollen, spannenden und tiefgründigen Buch, das am Ende leider minimal ins fantasyhafte abdriftet.

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