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Rezension von Guillermo del Toros und Chuck Hogans Die Nacht
Eine Buchbesprechung von Yoba
Mit Vampirstories konnte ich erst zweimal in meinem Leben etwas anfangen. Als achtjährige war ich ein großer Rüdiger-Fan, als ich Angela Sommer-Bodenburgs Geschichten gelesen habe. Das zweite Mal – jetzt, etwa 25 Jahre später – gefällt mir die Fernsehreihe rund um die True Blood-Vampire von ihrer Machart und Haltung zu dem Thema ganz gut. Den anderen Quatsch (sorry!), der sich in den letzten Jahren vor allem in der Literatur den Vampiren gewidmet hat, habe ich gekonnt ignoriert oder nach kurzem Anlesen mit spitzen Fingern beiseite gelegt. Insofern war ich schon irgendwie gespannt auf Guillermo del Toros und Chuck Hogans Vampirwelt.
Status quo
In den ersten beiden Teilen der Trilogie haben wir die Widerstandsgruppe rund um Dr. Ephraim Goodweather in New York kennengelernt und in weiten Teilen erfahren, was Vampire können und wollen, wie sie aussehen und sich verhalten und was es mit ihrem Mythos auf sich hat. Der dritte Teil der Trilogie von Guillermo del Toro und Chuck Hogan beginnt in einer Welt, die sich die Vampire zu ihren Gunsten gestaltet haben. Nach der – von ihnen ausgelösten – Explosion mehrerer Atomkraftwerke waren die überlebenden Menschen gezwungen, sich zwei Jahre lang unter die Erde zurückzuziehen. Es gibt nur noch ein paar Stunden Helligkeit am Tag, sodass die Vampire sich freier bewegen können als zuvor. Sie unterhalten Menschenfarmen, um sich zu ernähren und haben menschliche Verbündete, die sich durch die Arbeit für die Vampire bessere Lebensumstände erkaufen.
Das Finale
Mitten in diesem Chaos der Protagonist Dr. Ephraim Goodweather, dessen Exfrau bereits verwandelt wurde und die den gemeinsamen Sohn Zack ins Hauptquartier des Vampirmeisters verschleppt hat. Zack soll die neue Hülle des Meisters werden, sobald er etwas älter ist. Zu diesem Zweck wartet der Meisters mit Zacks Verwandlung, behandelt ihn großzügig und macht ihn zu seinem Ziehsohn. Ephraims Suche nach Zack und der finale Kampf einer kleinen Gruppe von Menschen gegen die Vampire machen das Finale von „Die Nacht“ aus. Ein mysteriöses Buch, ein „Blutgeborener“ (halb Mensch, halb Vampir), der die Widerständler unterstützt, und eine Atombombe sollen dabei helfen, die Weltherrschaft des Vampirmeisters zu beenden.
Inhaltliche und sprachliche Abgründe
Bis es zum Showdown mit dem Meister kommt, müssen wir uns immer mal wieder mit den charakterlichen Veränderungen Ephraims und dem Beziehungsgeflecht der Gruppenmitglieder auseinandersetzen. Ebenso gibt es ab und an Rückblenden zur Entstehungsgeschichte der Vampire oder in die Anfangszeit der Vampirherrschaft. Dazwischen – für mich sinnlos und völlig unmotiviert – Tagebuchnotizen von Ephraim oder Blogeinträge von Mitkämpfer Vasiliy. Diese Perspektivenkombination wirkt arg konstruiert und bringt mich als Leser nicht viel weiter. Vor allem, da mir manche wichtigere Dinge nicht erklärt werden, z.B. warum Vampire eigentlich nicht über offene Gewässer reisen können, aber mit Hilfe von Verbündeten und einem Sarg voll Erde dann irgendwie doch. Oder wie der „Blutgeborene“ genau entstanden ist, obwohl der Meister seine Mutter nicht infiziert hat (oder es nicht erwähnt wurde) und er offensichtlich auch keinen Sex mit ihr hatte. Die Charaktere wirken im Vergelich zu den ersten beiden Teilen der Trilogie irgendwie flacher und berechenbarer.
Sprachlich weiß ich gar nicht, was mir unangenehmer war: Das oft unpassende Pathos á la
„Und dann rissen die Wolken auf, und Tageslicht brach hindurch wie der Finger Gottes und legte seinen hellen Schein über das Lager“
oder die zum Teil echt eklig detaillierten Kampfszenen, die auch einen actionbegeisterten Leser meines Erachtens nach der neunzehnten Wiederholung nicht mehr begeistern können. Hinzu kommt, dass ich diesem Buch keinen Funken Wortgewandtheit oder gar Ironie gefunden habe, obwohl es handlungsmäßig genug Steilvorlagen gegeben hätte. Ob es an der deutschen Übersetzung liegt oder es im Original genauso ist, kann ich nicht beurteilen.
Fazit
Als Film könnte das ganze Konstrukt von Die Nacht funktionieren. Beschreibungen wie für ein Drehbuch gibt es genug: ob als Subtext in den Dialogen, bei den Rückblenden oder in den inneren Monologen der Protagonisten. In Bildern ausgedrückt könnten viele Szenen, ohne überflüssige Worte oder Erklärungen, sogar spannend oder überraschend sein. Aber da „Die Nacht“ nunmal ein Buch ist und man alle Situationen, Gespräche und Erzählperspektiven schwarz auf weiß vor sich hat, konnte mich diese Vampirwelt leider nicht überzeugen.