Orson Scott Card: Enders Spiel

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Der große Retter. Rezension von Orson Scott Cards Das große Spiel/Enders Game

Eine Buchbesprechung von Stefan Cimander

Card - Enders SpielAndrew „Ender“ Wiggin ist sechs Jahre alt, als er auf die Kampfschule der Internationalen Flotte (I.F.) beordert wird. Ender ist ein sogenannter Dritt, das dritte Kind seiner Eltern, somit ein Kind, das nach den Gesetzen gegen die Überbevölkerung nicht existieren dürfte. Wegen der herausragenden genetischen Merkmale seiner Geschwister, Peter und Valentine, erlaubte die I.F. die Zeugung von Ender, den die Militärs von Beginn an als eine Art Messias, als Strategiegenie und letztlich als ultimative Waffe im Krieg gegen die „Krabbler“ betrachten.

Zweimal kämpften Menschen und „Krabbler“ gegeneinander. Beide Male tauchten die insektenähnlichen Schwarmwesen im Sonnensystem auf und wurden geschlagen – beim zweiten Mal allein durch die strategische Leistung Razar Mackahms, in dessen Fußstapfen Ender treten soll. Die Erde ist nach wie vor in zwei politische Lager gespalten, der westlichen Hegemonie und dem Zweiten Warschauer Pakt, die sich unter dem Eindruck der Bedrohung durch die „Krabbler“ zu einem prekären Bündnis unter Führung der I.F. zusammengeschlossen haben.

Von Beginn setzen die Ausbilder Ender unter psychischen und physischen Druck, verändern die „Spielregeln“ zu seinen Ungunsten, dennoch geht Ender immer als Sieger aus den ausgedehnten Kampfsimulationen hervor. Doch auch abseits des Spiels fahren die Ausbilder einen rücksichtslosen Kurs: Sie isolieren Ender, indem Sie den Hass der anderen Schüler auf Ender schüren – bis es zur Konfrontation auf Leben und Tod kommt.

Schließlich verlegt die I.F. Ender auf die Kommandoschule, dort soll sich Ender endgültig auf seine Kommandotätigkeit vorbereiten (spoiler ahead) – in Wahrheit befindet er sich längst mitten im Krieg, bloß erfährt er, geschickter Manipulation wegen, nichts davon. In endlosen „Simulationen“ ringt er als Befehlshaber verschiedener Flotten gegen die „Krabbler“, die zuletzt in der vollständigen Vernichtung der „Krabbler“ durch Zerstörung deren Heimatplaneten gipfelt. Erst in diesem Moment realisiert Ender, dass es sich niemals um Simulationen, sondern immer um reale Schlachten gehandelt hat. Dies stürzt den nachdenklichen Ender in eine moralische Krise.

Während Ender, isoliert von seiner Familie, in der Kampfschule gedrillt wird, engagieren sich sein sadistischer Bruder Peter und seine sanftmütige Schwester Valentine publizistisch, indem Sie die politische und militärische Lage der Erde analysieren, Veränderungen fordern und Geheimes öffentlich machen. Sie treten, geschützt durch Pseudonyme, im Nachrichtennetz, eine Art Internet, auf. Nach der Vernichtung der Krabbler, dem Zusammenbruch des Zweiten Warschauer Paktes, infolge Peters politischer Darstellungen, schwingt sich Peter Wiggin zum Herrscher über die Erde auf, während Ender ins Exil gehen muss.

Keine leichte Lektüre

Science-Fiction ist immer Spiegel und Extrapolation des Moments, in der sie geschrieben wurde, das gilt auch für Orson Scott Cards Das große Spiel/Enders Spiel, es gibt aber nur wenige SF-Bücher, bei denen sich der Leser schwertut, die Intention dessen, was der Autor zu sagen versucht, zu eruieren. Das große Spiel gehört dazu. 1977 zuerst als Kurzgeschichte veröffentlicht, erschien es 1985 als Roman und erhielt 1985 mit dem Nebula Award und 1986 mit dem Hugo Award die Auszeichnung als bester Science-Fiction Roman.

Reflexion des Kalten Krieges

Der Hauptteil der Handlung spielt in Enders Kopf, weshalb der Leser sehr intensiv in das Geschehen involviert ist, dazu bei trägt der spannende Schreibstil. In der Art von Coming-of-Age, zeigt Card, wie Ender von einem unerfahrenen und unreifen Kind zu einem nachdenklichen und kritisch reflektierenden Jugendlichen heranwächst. Psycologie ist deshalb ein zentrales Charakteristikum im Buch.

Wie in Heinleins Starship Troopers stehen die insektenähnlichen Schwarmwesen als Anspielung auf den Kommunismus, dem Card mit der unter der I.F. geeinten Menschheit, einen an das Amerika der 80er Jahre erinnernden Block gegenüberstellt. Den Individualismus, als zentrale amerikanische Leitcharakteristik, gilt es gegen die kollektivistischen Insekten zu verteidigen – mit allen Mitteln und ohne Kompromisse.

Das große Spiel, veröffentlicht auf einem der Höhepunkte und gleichzeitig am Ende des Kalten Krieges, spiegelt die politische Situation und Wandel dieser Zeit dar. Das Verhältnis von Menschen (Amerika) und den Krabblern (Kommunismus) basiert auf der Unkenntnis über Letztere, wechselt dann aber zu einer gegenseitigen Verständigung, trotz aller Gegensätzlichkeit, auch wenn das Ender erst nach der Vernichtung der Krabbler gelingt. Ähnlich geschah dies auch real. Mit seiner manichäisch geprägten Kriegsrhetorik spitzte Ronald Reagan den Konflikt der Systeme zu, die mit der Kommandostabsübung „Able Archer“ fast zu einem heißen Krieg geführt hätte. Auf diesem Höhepunkt erkannte Reagan die Gefahr und begann einen auf Verständigung und Abrüstung angelegten Kurs zu führen.

Und noch etwas reflektiert Card allegorisch: Die Veränderung der Perzeption des Militärs. Waren die Streitkräfte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs positiv besetzt, wandelt sich dieses Empfinden nach dem Missengagement im Vietnamkrieg und der kritischen Hinterfragung der Truman-Doktrin. Ender selbst repräsentiert diese Wende durch die späte Einsicht, sich hat instrumentalisieren zu lassen. Die Regierung(en) der Erde sind von der I.F. kontrolliert, deren Einfluss sich tief in Bereiche der persönlichen Freiheit und sogar auf die Fortpflanzung erstreckt. Das Militär manipuliert die Bevölkerung und schürt dazu die Angst vor einer Invasion der „Krabbler“, gleichwohl ist diese Bedrohung alles andere als real, aber die Angst ist Instrument der Sicherung der Herrschaft der I.F. Card kritisiert die Hysterie über die rote Gefahr und die Instrumentalisierung und Manipulation der Bevölkerung.

Diese Manipulation findet auch an Ender (Soldat) statt. Der Schlüssel ihn das tun zu lassen, was die Offiziere von ihm erwarten, ist der Druck, den sie aufbauen und innerhalb dessen Ender wie eine seelenlose Maschine agiert und zum „innocent killer“ (John Kessel) mutiert. Weil sie Ender sein Leben lang beobachtet haben, wissen sie, wie er tickt, und wie sie ihn für ihre Zwecke manipulieren können.

Die Erzählepisode über die Aktivitäten von Peter und Valentine repräsentiert die Forderung mitreden zu dürfen, zu wissen, was vor sich geht und nicht wie ein unmündiges Kind behandelt zu werden.

Die Krabbler sind bei Card nicht mehr der absolute Feind, sondern zunächst einmal nur anders, nicht menschlich et vice versa. Kommunikation zwischen den beiden Rassen ist unmöglich, weil es an gegenseitigem Verständnis über die soziale Funktionsweise des anderen mangelt. Und genau das ist die Situation, in der es zu Missverständnissen und letztlich kriegerischen Konflikten kommt. Zurück in die politische Welt der 1980er Jahre bedeutet das, dass Kommunikation prinzipiell möglich ist, wenn die Beteiligten Kenntnis darüber besitzen, wie der andere „tickt“. Card implizierte damit eine Verständigung zwischen den beiden politischen Blöcken.

Ein wichtiges Stichwort in diesem Kontext ist Empathie, die Fähigkeit sich in einen anderen hineinzuversetzen, eine Taktik, die auch Ender versucht, die sowohl für die Verständigung, wie zur Zerstörung einsetzbar ist.

Thematik wieder aktuell

Das Motiv von Das große Spiel hat nichts von seiner Aktualität verloren, im Gegenteil, die Thesen und die dahinterstehende Kritik sind erschreckend aktuell. Auch gegenwärtig führen die Regierungen in ihren Augen „gerechte Kriege“, um eine perzipierte Gefahr abzuwehren. Um Legitimität und Unterstützung in der Bevölkerung zu erhalten, schrecken bestimmte politische Kreise auch vor Manipulation nicht zurück. Heute ist es nicht mehr die „rote Gefahr“, sondern die „islamische Gefahr“. Und noch etwas ist alarmierend, das John Kessel als „Remote war“ bezeichnete. Die Parallelen zwischen den Kampfsimulationen und dem Drohnenkrieg sind kaum von der Hand zu weisen – Krieg als Spiel mit der Fernbedienung als Werkzeug, Krieg als Abfolge von Computercodes.

Fazit

Zusammenfassen gesagt: Trotz drastischer Brutalität ist die Intention von Das große Spiel auf Mitgefühl, Einsicht und kritische Reflektion der eigenen Handlungen angelegt. Zu Recht zählt „Das große Spiel“ zu den wichtigsten Science-Fiction-Romanen.

Literatur

  • Perniciaro, Leon: Shifting Understandings of Imperialism: A Collision of Cultures in Starship Troopers and Ender’s Game. University of New Orleans Theses and Dissertations. Paper 1338. New Orleans 2011.
  • Radford, Elaine (26. März 2007). “Ender and Hitler: Sympathy for the Superman (20 Years Later)”.
  • Kessel, John (2004). Creating the Innocent Killer: Ender’s Game, Intention, and Morality”. Science Fiction Foundation.
  • Jonas, Gerald (1985-06-16). “SCIENCE FICTION”. New York Times.

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