Blandine Le Callet: Die Ballade der Lila K

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Rezension zu Blandine Le Callets Roman ‘Die Ballade der Lila K’

Eine Buchbesprechung von flatter satz

Es ist ein düsterer Roman den Le Callet hier vorlegt, Ballade nennt sie ihn, ein Tanzlied, im übertragenen Sinn vielleicht ein Totentanz auf die Gesellschaft, die wir kennen, ein Roman mit durchaus dystopischen Zügen, eine Ballade auch im Sinne der Suche nach der Liebe und ihrem Verlust, nach dem Warten auf die Erfüllung der großen Sehnsucht und der Kraft, die sie spendet.

Die Geschichte setzt mit einer Erinnerung ein. Ein 6-jähriges Mädchen, es wird Lila genannt ohne dass wir uns sicher sein können, dass dies auch ihr Name ist, erinnert sich daran, daß schwarz vermummte Männer zu ihr und ihrer Mutter in die Wohnung eingedrungen sind, ihre Mutter schlugen und mit Gewalt aus der Wohnung schleppten. Nur noch durch wenige Gesten können sich die beiden sich signalisieren, dass sie sich lieb haben und dass alles gut wird. Das Mädchen selbst kam in das Zentralheim, ein Erziehungsheim, das uns mit seinen Überwachungsmöglichkeiten eher an ein Gefängnis erinnert und in dem Kinder und Jugendliche auf ein späteres Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Wo die Mutter hingebracht wird, bleibt im Dunkeln.

Die Geschichte wird konsequent aus der Sicht des Mädchens erzählt. Wir erfahren, wie sie zum Essen gezwungen wird, wie sie am Bett festgebunden wird, wie man ihr das Laufen beibringt und ihr abgewöhnt, nach ihrer Mama zu rufen. Sie bekommt sedierende Medikamente und wird im steten Halbschlaf gehalten. Le Callet liebt es, den Leser zu verstören. Irgendwas stimmt nicht an der Geschichte, man stutzt bei den unvermittelt und zusammenhangslos eingeschobenen Sätzen wie den, daß sich Lila nach dem wunderbaren Essen sehnt, das sie immer aus der Dose bekommen hat, daß man sie an der Hand operiert hat und ihre Finger jetzt wieder getrennt sind… Lila wehrt sich gegen fast alles, vor allem Berührungen sind ihr ein Graus, sind das Schlimmste, was man ihr antun kann. Das helle Licht des Tages schmerzt sie, sie trägt fast immer eine dunkle Brille. Sie will allein sein, nicht mit anderen Kindern spielen, ein Versuch des Heims, dies einfach durchzusetzen, endet mit einem Fiasko. Sie verträgt keine frische Luft, sehnt sich nach dunklen Ecken und schläft unter dem Bett anstatt in ihm….

Aber Lila ist auch hochintelligent, sie merkt und lernt, dass es für sie Vorteile bringt, Erleichterungen, wenn sie ihren Widerstand aufgibt oder wenigstens reduziert. So lernt sie langsam wieder sprechen, auch wenn ihr der Mundgeruch der Logopädin weh tut, ebenso vertraut sie sich irgendwann nach endlosen Stunden wieder ihren Beinen an und fängt wieder an zu laufen, nur Berührungen kann sie nicht aushalten, sie ekelt sich vor diesen und sie behält ihre Überempfindlichkeit gegen helles Licht. Sie darf es nicht sagen, aber sie sehnt sich zurück nach ihrem Wandschrank, nach dessen stickiger Luft, die sie einhüllte wie ein Kokon…..

Kaufmann wird als Verantwortlicher für ihre Erziehung eingesetzt. Er ist ein Mensch ganz anders wie die anderen, die er “Engstirner” nennt: es ist ihm wichtig, die Besonderheiten und die Individualität seiner Zöglinge zu fördern (wundert es da, daß er selbst immer in Gefahr schwebt, als Außenseiter auffällig zu werden?). Zu ihm, von dem sie viel lernt, fasst Lila Vertrauen, ihn wagt sie es eines Tages nach ihrer Mutter zu fragen. Doch Kaufmann weiß nichts von ihr, aber er verspricht ihr, ihr – egal, was passiert! – immer zur Seite zu stehen. Und noch eins macht Kaufmann: er bringt sie mit Büchern in Kontakt, mit wirklichem Papier, bedruckten Seiten, mit einem Phänomen, das in diesen Zeiten aus gesundheitlichen Gründen schon längst abgeschafft und durch elektronische Medien ersetzt ist.

Lilas Lebensziel wird es immer deutlicher, ihre Mutter zu finden und damit auch ihre eigene Geschichte. Diese Unterfangen gibt ihr die Kraft, auch Dinge zu tun, vor denen sie Angst hat (und das sind nicht wenige), gibt ihr die Kraft, sich zu verstellen, zu tun als ob: immer hat sie vor Augen, daß sie ihre Mutter finden muss.

Nicht zuletzt wegen dieser Anpassung an die realen Verhältnisse wird sie nach dem Erreichen der Volljährigkeit aus dem Heim entlassen, nicht aber aus der Überwachung, die total ist bis hin zur automatisierten morgendlichen Urinanalyse auf dem eigenen Klo und der Orgasmuskontrolle, da ein zweimaliger Höhepunkt wöchentlich als der Gesundheit zuträglich angesehen wird. Entsprechendes Gerät zur Stimulation wird gestellt.

An diesem Tag, an dem sie eine entsprechende Einstufung bekomt und aus dem Heim entlassen wird, bekommt sie auch Einsicht in ihre zensierte Akte. Sie erfährt, daß sie unterernährt, misshandelt, mit unbehandelten Frakturen, Blutergüssen, unfähig zu laufen und zu sprechen, mit Händen, an denen die Finger beim Abheilen von Brandwunden zusammengewachsen waren, ins Heim eingeliefert worden war. Sie glich mehr einem Tier als einen Menschen, sie, das Mädchen, das wenige Jahre zuvor in einem Dokument derselben Akte als vital und sehr gut entwickelt beschrieben worden war. Was Lila in den Akten sieht, ist kaum zu ertragen und doch – sie spürt immer noch, daß ihre Mutter sie liebte, daß die Akten die Wahrheit sagen, aber gleichzeitig die andere Wahrheit verschweigen. So wird ihr Wunsch, die Mutter, die damals zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt worden ist, zu finden, immer drängender.

Auf ihrem Weg trifft Lila immer wieder Menschen, die ihr helfen, zum Teil unter großen Risiken für sich selbst. Milo ist so einer, Milo, von dem wir annehmen müssen, daß er selber Opfer wurde seiner Bereitschaft, alles für Lila zu tun. Ihm, dessen Berührung der jungen Frau zum ersten Mal nicht eklig war, sondern angenehm warm und bergend, erzählt Lila die Geschichte, ihm und nur ihm allein, geborgen in ihrem Schrank…

Die Ballade der Lila K ist ein Buch, über das man viel schreiben könnte…

Wieviele Assoziationen gehen einem beim Lesen durch den Kopf, angefangen vom “Big BrotherOrwells bis hin zu Deckards Suche nach seiner Identität in Blade Runner. Die Stadt, in der die Handlung spielt (es müsste das Paris sein um den nächsten Jahrhundertwechsel, auf der Champs Elysee wogen die Weizenfelder im Sommerwind…) ist durch eine Mauer mit Checkpoints in zwei Bereiche geteilt: intra und extra muros. Intra muros leben die Bevorzugten, es ist der Orwell´sche Überwachungsstaat, die totale Kontrolle inclusive Kameras in den Wohnungen unter dem Deckmantel des Schutzes und der Vorsorge. Alles, was nicht den Empfehlungen und Ansichten des Staates entspricht, ist nicht normal und damit behandlungswürdig….. Außerhalb der Mauern wohnen die Verteufelten, die Wilden, die Unangepassten, die Störenfriede, die Terroristen, deren Aufstände man blutig niedergeschlagen hat. Teile der Bezirke extra muros liegen in Trümmern, sind brach, abgeschnitten von Versorgung, ÖPNV und auch Überwachung. Die Menschen dürfen die Checkpoints passieren, man braucht ihre Arbeitskraft, mehr aber auch nicht. Wer dächte bei diesen Bildern nicht an andere Regionen, in denen aktuell Mauern Städte und Landschaften in innen und außerhalb trennen?

Die Kontrolle über die Gesellschaft wird von einer anonym bleibenden Regierung ausgeübt, die die Wahrheit in ihrem Sinn manipuliert. Lila, die in der Bibliothek arbeitet und alte Papierdokumente einscannen muss erkennt, wie die Streichungen den Sinn der Texte ins Gegenteil verkehren oder wie unbequeme Wahrheiten verheimlicht werden. Viele Schrecken der “Zone” sind erfunden, zwar ist es dort gefährlicher und unsicherer, aber dies ist der Preis der größeren Freiheit, die dort herrscht.

Lilas Wille und Entschlusskraft erweisen sich als stärker als die Unterdrückung durch die Regierung, sie erreicht ihr Ziel, wenngleich mit einem großem Opfer, das gebracht werden muss. Sie erkennt, dass zwischen ihrem Gefühl der Liebe zu ihrer Mutter und den Tatsachen, die die Akten dokumentieren, kein Widerspruch besteht, dass beides nebeneinander existiert und dass ihre Mutter damals keine Wahl hatte. Vergibt sie ihrer Mutter, wie es Le Monde auf dem Klappentext zitiert wird? Vielleicht.. vielleicht will sie aber auch einfach nur nicht die einzige Liebe, die sie kennt, zerstören, in dem sie ihrer Mutter die Schuld, die diese an ihrem Schicksal trägt, vorwirft….

Und so endet dieser Roman fast wie er begonnen hat.. Lila ist in ihrem Versteck, dem Wandschrank, sie nährt sich von den letzten Dosen, die sie noch hat und für Milo schreibt sie ihre Geschichte auf. Danach wird sie frei sein, sich gelöst haben von den Monstern, die sie beherrschten. Sie wird anfangen können, ein eigenes Leben zu leben.

Lilas Ballade ist ein bedrückendes Werk, das den Leser stark mit einbezieht, denn dadurch, dass Le Callet Lila den Text selbst für einen persönlichen Freund schreiben lässt und dieser direkt angeredet wird, fühlt man sich beim Lesen selbst angesprochen. Man ist versucht zu antworten, zu reagieren, zu sagen: ja, so ist es oder auch nein, das geht so nicht…. das Erschreckende ist, dass – bis auf ein paar technische Spielereien und Ideen – Le Callet mit vielem von dem, was sie beschreibt, real in dieser unserer Welt Existentes aufgreift und einfach konsequent zu Ende denkt. Das Ausgrenzen und Verteufeln von nicht angepassten Minderheiten oder auch nur unerwünschten Personen, Tendenzen zur Zensur bzw. Kontrolle von Medien ebenso wie die Sammelwut von Daten, die Tatsache, dass viele Abweichungen von einer wie auch immer definierten Norm als krankhaft oder Krankheit angesehen werden und damit als behandlungswürdig… all das gibt es heute schon, mehr oder weniger offensichtlich, ebenso wie die soziale Stigmatisierung: ohne Arbeit keinen vernünftigen Wohnsitz, ohne Wohnsitz keine vernünftige Arbeit…. ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld…. na ja…

Fazit

Blandine Le Callets Roman Die Ballade der Lila K ist eindringlich, spannend, wirft Fragen auf, die nachdenklich machen – kurz gesagt, er berührt und bewegt.

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