Arthur Brehmer: Die Welt in 100 Jahren

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Zurück ins Jahr 2010: Die Welt in 100 Jahren

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

2010 gelang dem Hildesheimer Olms Verlag ein ungewöhnlicher Erfolg: Für seine Anthologie aus dem Jahre 1910 interessierte sich nicht nur eine breite Leserschaft, sondern der Reprint avancierte auch zum Wissenschaftsbuch des Jahres und ist mittlerweile in der 8. Auflage (bzw. im 8. Neudruck) erschienen.

Natürlich ließ sich Die Welt in 100 Jahren schon 1910 gut verkaufen. Der Grund hierfür war das Konzept des Herausgebers und Journalisten Arthur Brehmer - denn dieser hatte nur höchst namenhafte Fachleute gebeten, jeweils ein Zukunftsvision aus der Sicht ihres Fachgebietes zur Sammlung beizusteuern. Und das taten sie auch: Der Wiener Vordenker der modernen Literatur Herman Bahr genauso wie der einflussreiche sozialdemokratische Politiker Eduard Bernstein oder der noch heute für seine rassistischen Ansichten bekannte Kolonialist Carl Peters. Das Ergebnis war – und ist es immer noch – eine unterhaltsame und facettenreiche Anthologie.

Der Erfolg des Jahres 2010 dürfte hingegen weniger durch die Namen der 22 Mitarbeiter zu erklären sein. Er basiert wohl vielmehr auf dem charmanten Reiz, den die Anthologie in ihrer Aufforderung, einmal zu überprüfen, in welchen Bereichen die Autoren richtig gelegen haben und wo sie eindeutig fehlgegangen sind, ausübt. Damit auch jenen Lesern, die im Geschichtsunterricht nicht ganz so aufmerksam waren, die Beurteilung der Texte auch in historischer Sicht gelingen kann, hat der Verlag dankenswerter Weise ein Vorwort von Georg Ruppelt, dem Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibnitz-Bibliothek in Hannover, vorangestellt. Ruppelt unternimmt hier zuerst eine (leider sehr kurze) Einordnung der Anthologie in den utopischen Diskurs – besonders des deutschen – und spannt dann für den Leser von heute am Horizont des Jahre 1910 noch einmal wichtige politik-, gesellschafts- und wissenschaftsgeschichtliche Ereignisse auf. Abschließend gibt er einen Überblick über die einzelnen Aufsätze der Anthologie und weist auf die jeweiligen besonders bemerkenswerten Aspekte hin.

Paradoxer Optimismus

Was Ruppelt in seinem Vorwort schon unternommen hat, will ich hier nicht wiederholen. Was beim Lesen aber als erstes auffällt, ist der auf den Leser von heute teilweise naiv wirkende Optimismus, mit dem zahlreiche Autoren in die Zukunft blicken; Er gerade macht deutlich, dass die großen europäischen Traumata – die beiden Weltkriege – erst noch kommen sollten. Noch gilt das aufklärerische Diktum Kants Der Mensch kann vom Menschen nicht hoch genug denken. An ganz wenigen Stellen mischt sich ein pessimistischer Grundton in die mit unterschiedlicher Sorgfalt begründeten Visionen – und auf besonders bemerkenswerte Weise bei Bertha von Suttner, wenn diese von der Unmöglichkeit, in 100 Jahren Kriege zu führen, spricht und damit die Prinzipien der nuklearen Mutal Assured Destruction vorwegnimmt:

Wir sind im Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, daß jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre. Wenn man mit einem Druck auf den Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige Menschen- oder Häusermasse pulverisieren kann, so weiß ich nicht, nach welchen taktischen und strategischen Regeln man mit solchen Mitteln noch ein Völkerduell austragen sollte.

Aber auch hier gründet sich noch auf der gegenseitig zugesicherten Vernichtung ein Reich des Friedens – da der Kampf des Menschen gegen den Menschen keine anthropologische Konstante darstellt.

Über den Wolken?

Als zweites sticht die Bedeutung hervor, welche die Autoren der Luftfahrt zumessen, die seinerzeit zum symbolischen Inbegriff des Fortschritts avancierte: Nicht nur, wenn der für seinen Roman Berlin-Bagdad. Das deutsche Weltreich im Zeitalter der Luftschiffahrt bekannte Schriftsteller Rudolf Martin poetisch über den Krieg in 100 Jahren referiert, sondern auch wenn Carl Peters  – ebenfalls ohne zu überhörenden politischen Unterton – von den zukünftigen Lebensumständen in den Kolonien spricht. Dabei erinnern die Visionen nicht selten an Wells Roman Der Luftkrieg von 1908, wenn Drachenflieger und Ballons gemeinsam in riesigen Verbänden oder auch als Stoßtrupps nach China eindringen, um “der gelben Gefahr” Herr zu werden, oder auch – im Falle Carl Peters Text – an den später von Hans Dominik veröffentlichten SF-Roman Atlantis, der übrigens ebenfalls von rassistischen Ressentiments nur so strotzt.

Aber haben die Autoren mit ihren Voraussagen ins Schwarze getroffen? Meiner Ansicht nach verblüffend oft: Nicht nur, wenn Robert Stoss mit seinem Telephon in der Westentasche Handys und Smartphones antizipiert, sondern auch wenn Eduard Bernstein als einer der wenigen Autoren die rosarote Brille ablegt und anhand statistischer Extrapolationen zu belegen versucht, dass aufgrund der Preissteigerungen im Rohstoffbereich und des angeblich schon damals zu spürenden Geburtenrückganges in Großstädten keine utopische kommunistische oder arbeitsfreie Gesellschaft entstehen wird – wohl aber eine, in der sich Demokratie und ein vom Staat in ihre Schranken verwiesene Wirtschaft finden lassen. Natürlich gibt es auch zahlreiche Gedankengänge, die völlig daneben gegangen, aber nichts desto weniger reizvoll sind. So beispielsweise die erhabenen Visionen von Björne Björnson über Die Religion in 100 Jahren, in welchen die Glaubensbekenntnisse derart synkretistisch miteinander verschmolzen erscheinen, dass sie sich voneinander kaum mehr unterscheiden lassen. Aber wie so oft in der Anthologie ist das eigentlich Interessante des Aufsatzes im Nicht-Intendierten, das beredt von den Perspektiven der damaligen Zeit spricht, zu finden: Denn Björnsen zählt zwar alle bekannten Religionen auf, vergisst aber ausgerechnet den Islam.

Fazit

Der Reprint die Welt vor 100 Jahren ist ein hochinteressantes Buch, in dem sich phantastisch schmökern lässt und das nicht nur Fans von Science Fiction Romanen unterhalten dürfte.

Ein Kommentar zu: Arthur Brehmer: Die Welt in 100 Jahren

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