Thomas Schölderle: Geschichte der Utopie. Eine Einführung

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Rezension zu Thomas Schölderles Geschichte der Utopie. Eine Einführung

Eine Buchbesprechung von Simon Spiegel

Cover Geschichte der UtopieWer sich eingehender mit dem Begriff der Utopie beschäftigt, dem wird schnell schwindlig. Die Forschung boomt und ständig erscheinen neue Studien zum Thema. Hier auf dem Laufenden zu bleiben, artet schnell zur Vollzeitbeschäftigung aus. Wenig hilfreich ist auch das akute Begriffschaos; zwar arbeiten alle Autoren mit dem Begriff „Utopie“, was sie damit konkret meinen, kann aber stark variieren. Die Unterschiede liegen dabei keineswegs bloß in feinen Nuancen, vielmehr stehen die unterschiedlichen Positionen teilweise in radikalem Widerspruch zueinander. Für den Science-Fiction-Forscher Darko Suvin etwa ist die Utopie eine Untergattung der Science Fiction, der marxistische Philosoph Ernst Bloch sieht in ihr dagegen einen allgemeinen menschlichen Impuls und die totalitarismustheoretische Tradition in der Folge von Karl Popper setzt Utopie mehr oder weniger mit Kommunismus sowjetischer Prägung gleich.

Der Politologe Thomas Schölderle hat es sich zur Aufgabe gemacht, hier für Ordnung zur sorgen. In seiner 2011 erschienenen Dissertation Utopia und Utopie unternahm er einen Gewaltmarsch durch mehr als 500 Jahre Utopiegeschichte und noch einmal gut 150 Jahre Forschungsgeschichte, um daraus einen handhabbaren Utopiebegriff zu kondensieren. Schölderle ist davon überzeugt, dass sich auf der Basis von Thomas Morusʼ 1516 erschienener Utopia – dem Text, welcher der Gattung den Namen gegeben hat – am ehesten ein umfassender Utopie-Begriff entwickeln lässt. Seine Dissertation ist mit einem Umfang von fast 500 Seiten Text, gut 30 Seiten Bibliographie und zahlreichen Anmerkungen sicher kein Buch, das man schnell nebenher liest, sondern eine Fachpublikation, die sich in erster Linie an wissenschaftliche Leser richtet. Mit seiner Geschichte der Utopie hat der Autor nun gewissermaßen eine Light-Fassung nachgereicht, die ein breiteres Publikum ansprechen soll.

Ernst gemeint oder nicht?

Anders als in Utopia und Utopie nimmt die Herleitung des Utopiebegriffs in Geschichte der Utopie nur wenig Raum ein. Schölderle skizziert die verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen kurz und führt dann aus, warum er dem klassischen, an Morus ausgerichteten Begriff den Vorzug gibt. Folgerichtig widmet er sich deshalb zuerst ausführlich Morus und dessen Utopia. Die zentrale Frage lautet für Schölderle „wie ernst, im Sinne eines persönlichen Ideals, der Entwurf des utopischen Staatsmodells gemeint war“ (19). Hat Morus mit der Utopia tatsächlich einen Bauplan für einen – in seinen Augen – optimalen Staat entworfen, oder bezweckte er etwas anderes? Wie Schölderle plausibel darlegen kann, „ist Morusʼ Utopia kein Idealstaat“ (45). Nichts in Morusʼ politischer Karriere – er nahm als Lordkanzler eines der höchsten Ämter im englischen Königreich ein – deutet daraufhin, dass er eine Umsetzung der Utopia anstrebte. Vielmehr enthält der Text zahlreiche Elemente, die offensichtlich nicht dem Ideal des Autors entsprechen. Am augenfälligsten wird dies bei der Religion: Die Utopier sind Heiden, Morus dagegen war ein frommer Katholik. So fromm, dass er für seinen Glauben sogar den Tod auf dem Schafott in Kauf nahm (und später heilig gesprochen wurde). Manches, was in der Utopia beschrieben wird, hat auch offensichtlich ironischen Charakter, etwa das Kriegswesen. Nicht wenige Utopie-Forscher sind zwar der Ansicht, Morus gebärde sich hier als geistiger Wegbereiter einer imperialistischen Außenpolitik; Schölderle ist da dezidiert anderer Ansicht:

Es ist eine Satire auf geheuchelte Friedensbekenntnisse, ein bissig-ironischer Kommentar zu einer tragenden Säule zeitgenössischer Machtpolitik: dem gewerbsmäßigen Söldnerwesen, und eine vernichtende Kritik verbreiteter Kriegspraktiken (45f.).

Kritik ist ein wesentliches Element der Utopia, ihr ganzer erster Teil – der noch nicht von der Insel Utopia erzählt – legt die desolaten Zustände im Königreich schonungslos offen. Das heißt nun aber nicht, dass der Text keine Vorschläge für eine Verbesserung enthielte, Schölderle leugnet „den zuweilen vorbildhaften Charakter“ (46) der Schrift keineswegs. Für ihn ist aber entscheidend, dass die Kritik und nicht ein politisches Programm, das tatsächlich umgesetzt werden soll, im Vordergrund steht: „Wichtiger ist der Utopie zunächst, was sie nicht will. Die Kritik ist zentraler und dem Wesen der Utopie näher als die vermeintlich erträumte Wunschwelt“ (47). Damit ist auch gesagt, dass die Utopie im morusschen Sinn immer auf eine konkrete geschichtliche Situation reagiert, dass sie immer als Sozialkritik gedacht ist.

Die vier Ebenen der Utopie

Am Ende des ersten Kapitels skizziert Schölderle seinen anhand der Utopia entwickelten Utopiebegriff, der vier Ebenen umfasst: Da wäre die literarische Form, die meist die einer Erzählung ist und Reisebericht und philosophisches Traktat kombiniert. Daneben gibt es zahlreiche inhatliche Elemente wie Statik, Gemeineigentum, Kollektivismus und Nützlichkeitsdenken, die bei Morus anzutreffen sind und in der Folge immer wieder aufgenommen werden. Während diese beiden Ebenen nicht zwingend vorkommen müssen, sind die folgenden beiden Punkte gemäß Schölderle für eine Utopie unerläßlich: „zum einen das soziopolitische Gegenbild, also die Notwendigkeit einer ausgemalten gesellschaftlichen Alternative; zum anderen die kritische Intention“ (49).

Gerüstet mit diesem Utopiebegriff geht es im Folgenden nun auf einen Streifzug durch die Literaturgeschichte, beginnend bei mythischen Erzählungen vom Goldenen Zeitalter und Platons Politeia über Klassiker, die direkt von Morus inspiriert wurden, wie Tommaso Campanellas Sonnenstaat (1602) und Francis Bacons Neues Atlantis (1627) bis zu den Frühsozialisten und Marxisten des 19. Jahrhunderts. Das letzte Kapitel schließlich widmet sich drei Beispielen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Dabei geht der Autor stets gleich vor: Zuerst werden Autor und Werk knapp situiert, dann wird die jeweilige Utopie vor dem Hintergrund der morusschen Utopia charakterisiert.

Bei der Auswahl der vorgestellten Texte – es sind rund 20 – orientiert sich Schölderle mehr oder weniger am etablierten Kanon. Wer in der utopischen Literatur bereits bewandert ist, wird hier auf viel Bekanntes stoßen, was bei einem Einführungsband freilich nicht weiter erstaunlich ist. Eine Ausnahme bilden am ehesten die Werke, die Schölderle im Kapitel „Absolutismus und Aufklärung“ zusammenfasst und die wohl weniger bekannt sein dürften: Gerrard Winstanleys The Law of Freedom (1652), Gabriel de Foignys Terra Australe (1676), Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1731–1743) und Louis-Sébastien Merciers L‘An 2440 (1771). Anhand dieser Beispiele zeigen sich nicht zuletzt die Vorzüge des von Schölderles entwickelten Utopiebegriffs, denn er ermöglicht es ihm, sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede der Texte aufzuzeigen. Alle vier Utopien übernehmen unbestritten Elemente der morusschen Tradition, weichen aber jeweils auch in entscheidenden Punkten von dieser ab. So entwirft de Foigny erstmals eine anarchistische Utopie, die gerade nicht von einem durchorganisierten Staat ausgeht und zudem mit zahlreichen phantastischen Elementen angereichert ist; zum Beispiel sind seine Utopier hermaphroditische Wesen. An der Insel Felsenburg, die – für heutige Leser nur schwer nachvollziehbar – ein wahrer Bestseller wurde, fällt nicht nur die Nähe zur Robinsonade auf, sondern auch die für die Utopie neue Tendenz, plastische Figuren mit individuellen Lebensläufen zu entwerfen. Zudem ist Schnabels Utopie weder abgeschloßen noch statisch, sondern im Aufbau begriffen. Eine andere folgenreiche Neuerung bringt Mercier: Bei ihm ist die Utopie erstmals nicht in einem entlegenen Erdteil, sondern in der Zukunft angesiedelt; die Raumutopie wird zur Zeitutopie. Mercier ist damit ein Vorreiter für die ganze Gattung. Ab dem 19. Jahrhundert spielen Utopien fast ausschließlich in der Zukunft. Winstanleys Law of Freedom schließlich ist nicht fiktional und ausdrücklich auf eine Umsetzung hin ausgerichtet.

Wie hier deutlich wird, geht es Schölderle keineswegs darum, ein starres Utopie-Ideal zu entwerfen und alle Texte auszusondern, die diesem nicht entsprechen. Das an Utopia entwickelte Modell dient vielmehr dazu, eine literaturgeschichtliche Linie aufzuzeigen und deutlich zu machen, wie sich die verschiedenen Texte aufeinander beziehen und eine Tradition weiterentwickeln. Eine Tradition, die fast 400 Jahre lang erstaunlich stabil bleibt; noch Edward Bellamys Looking Backward (1888), zweifellos die einflussreichste Utopie des ausgehenden 19. Jahrhunderts, entspricht in vielen Punkten dem vom Morus etablierten Typus. Looking Backward wird von Schölderle übrigens nicht gesondert behandelt, dafür aber William Morrisʼ News from Nowhere, das als direkte Reaktion auf Bellamy entstanden ist und eine Art anarchistisches Mittelalter in der Zukunft entwirft.

Das Zeitalter der Dystopie

Nach 1900 wandelt sich die Utopie grundlegend; angesichts von Weltkriegen und der Greuel, welche die vermeintlichen politischen Heilslehren des 20. Jahrhunderts mit sich gebracht haben, erscheint jegliche Verheißung eines „neuen Menschen“ oder einer „besseren Zeit“ verdächtig. Der optimistische Fortschrittsglaube, der die Utopien des 19. Jahrhunderts beflügelt hat, weicht der Ernüchterung. Das 20. Jahrhundert ist unbestritten das Zeitalter der Dystopie.

Drei Texte – George Orwells 1984, Ernest Callenbachs Ecotopia und Marge Piercys Woman on the Edge of Time – stehen stellvertretend für die Entwicklungen, die die Utopie nach dem Zweiten Weltkrieg durchgemacht hat. Callenbachs 1975 erschienene Ecotopia knüpft im Grunde wieder an die klassischen Utopien an, rückt nun aber, inspiriert durch Gegenkultur und die aufkommende ökologische Bewegung, Themen wie Nachhaltigkeit und Diversität ins Zentrum. Zudem ist die Ecotopia ausdrücklich nicht abgeschlossen, sondern dynamisch.

Anders bei Orwell und Pierce: Schölderle sieht hier eine Art Selbstkritik der Gattung am Werk:

Fortan steht nicht mehr die positive Zukunftserwartung im Zentrum, auch nicht der Aufruf, das fiktive Szenario in die Wirklichkeit zu überführen oder gar die Überzeugung einer zwangsläufigen Verwirklichung, sondern das exakte Gegenteil: die Warnung vor einer politisch-ideologischen Umsetzung (129).

Während dies bei Orwell in Form der Dystopie geschieht, steht Pierces feministische Utopie für einen dritten Gattungsstrang. In dem 1976 erschienenen Woman on the Edge of Time existieren neben der Erzählgegenwart zwei zukünftige Welten – eine positive und eine negative. Diese drei Welten spiegeln und relativieren sich gegenseitig. Auf diese Weise wird das utopische Konzept selbst in Frage gestellt. Diese Form utopischer Selbstkritik, die ab den 1970er-Jahren vermehrt auftritt, wurde von dem Utopieforscher Tom Moylan als „critical utopia“ bezeichnet (ein Begriff, der bei Schölderle nicht auftaucht).

Wie hält es der Autor nun mit der Dystopie – letztlich wohl das Thema, das die Leser dieses Blogs am meisten interessieren dürfte. Schölderle konzentriert sich auf die Frage, ob die Utopie als Gegenstück zur Dystopie zu verstehen ist oder als Überbegriff. Er plädiert dafür, „die ‚Utopie‘ als Oberbegriff zu fassen und hinsichtlich der beiden Versionen ‚Eutopie‘ (für die positive) und ‚Dystopie‘ (für die negative) zu unterscheiden“ (137 f.) Diese Abgrenzung ist nicht unüblich, allerdings versäumt es Schölderle, klar zu machen, worin denn nun die Unterschiede liegen. Wie er ja selber betont, ist bereits Morusʼ Utopia keineswegs nur positiv, sondern enthält zahlreiche dystopische Elemente. Wenn nun aber schon die Utopie teilweise Dystopie ist – oder zumindest sein kann –, wo liegt dann der Unterschied der Gattungen? Gerade wenn man Schölderles Utopiebegriff ernst nimmt, reicht die simple Trennung in positiv und negativ nicht. Auch wenn man dem Autor zugute halten muss, dass sein Fokus auf der positiven Utopie liegt, kann seine Begriffsbestimmung hier nicht völlig überzeugen.

Ein Aspekt, der mir bei der Bestimmung von Dystopien zentral scheint, wird von Schölderle gar nicht erwähnt: die Handlungsebene. Im Gegensatz zur Utopie enthält die Dystopie nämlich einen konfliktreichen Plot, der sich fast immer um eine Rebellion gegen die dystopische Ordnung dreht. Nicht zuletzt liegt hier einer der Gründe für ihren Erfolg: Bei der Dystopie wird anders als bei der Utopie die spannende Handlung jeweils schon mitgeliefert. Deshalb ist die Dystopie auch so weit verbreitet und vielerorts untrennbar mit der Science Fiction verschmolzen – weil sie als erzählende Literatur einfach mehr hergibt (auch hier gibt es mittlerweile allerdings Ausnahmen: Der russische Roman Der Tag des Opritschniks von Vladimir Sorokin wäre ein Beispiel für eine Dystopie, die ganz ohne Rebellion auskommt. Protagonist ist hier ein Scherge der menschenverachtenden Diktatur. In einer typischen Dystopie würde diese Figur früher oder später an ihrem Tun zweifeln und in Opposition zum politischen System treten. Genau dies geschieht aber nicht. Sorokins Held bleibt bis zum Schluss ein treuer Diener seiner Herren. Hier handelt es in meinen Augen um ein bewusstes Weitertreiben und Variieren des bekannten dystopischen Musters).

Fazit

Dass eine Einführung von rund 150 Seiten Textumfang nicht erschöpfend sein kann, versteht sich von selbst. So wird H. G. Wells, einer der wichtigsten utopischen Autoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nur am Rande erwähnt. Auch wer sich primär für Dystopien interessiert, ist mit Geschichte der Utopie nicht sonderlich gut bedient. Als einführender Überblick über die Geschichte der utopischen Literatur ist Schölderles überaus verständlich und klar geschriebenes Buch aber auf jeden Fall zu empfehlen.

Schölderle, Thomas: Utopia und Utopie: Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff. Nomos: Baden-Baden 2011.
 Schölderle, Thomas: Geschichte der Utopie. Eine Einführung. UTB: Stuttgart 2012.

Ein Kommentar zu: Thomas Schölderle: Geschichte der Utopie. Eine Einführung

  1. Ich finde die von dir geäußerte Kritik an der hier verwendeten Utopiedefinition bzw. der späteren Verwendung des Begriffs hochinteressant. Ich habe mir ja auch angewöhnt Utopien in Eutopien und Dystopien zu unterscheiden – wenn man Morus’ Utopia allerdings als Modell nimmt (was ich ebenfalls mache) und den Text so liest wie Schölderle (dem ich gerne zustimme), dann gerät die Unterscheidung ins Wanken… und wieder einmal entzieht sich das Genre eine einfachen Bestimmung :)