Richard Cowper: Welt ohne Sonne

© Die Rechte für das Cover liegen beim Verlag und beim Urheber

Knospender ***! Rezension zu Richard Cowpers Roman Welt ohne Sonne

Eine Buchbesprechung von Rob Randall

Richard Cowper - Welt ohne Sonne

Wie wählt man nur jene längst vergessenen Bücher aus, die man sich vorknöpfen will. Die Liste dystopischer Romane zeigt es: Ihre Zahl ist Legion. Ich google da häufig vor mich hin und picke mir dann die Titel raus, die mich interessieren. Bei Richard Cowpers Welt ohne Sonne allerdings waren die Ergebnisse der Recherche widersprüchlich. John Middleton Murry Jr., der die meisten seiner Texte unter dem Pseudonym Richard Cowper veröffentlicht hat, gilt zwar als einer der besten Stilisten der britischen Science-Fiction-Literatur, aber, so stellt Siegfried Breuer im Magazin Alien Contact weiter fest: Er brachte jedoch selten originelle neue Ideen in das Genre ein. In der einzigen deutschsprachigen Rezension, die ich gefunden habe, verpasst Jim Melzig, dessen pointierte Besprechungen ich sehr schätze, Welt ohne Sonne sogar einen Tritt, um ihn in die literarische Mülltonne zu befördern: Bunt geschildert, aber harmlos sein er. Und, so schwingt zwischen den Zeilen mit: zu wenig eigenständig.

Wenn Welt ohne Sonne repräsentativ für das Werk Middletons/Cowpers sein sollte und dieser ein Musterbeispiel für herausragenden Stil in der britischen SF ist, dann möchte ich nicht die Negativbeispiele sehen/lesen. Nicht, dass die Sprache des Romans jetzt besonders schlecht sein würde – die lässt sich ganz gut lesen. Aber die Art und Weise, wie Middleton/Cowper seine Geschichte aufzieht, fand ich doch eher… schlecht. Oder besser: Welt ohne Sonne fährt in qualitativer und stilistischer Hinsicht mit dem Leser Achterbahn. Und wie das bei Achterbahnen nun mal so ist: Man befindet sich nur ganz kurz ganz oben.

Knospende Verwirrung

Offensichtlich hatte sich Cowper vorgenommen, seine Leser zu Beginn richtig tüchtig zu desorientieren. Das ist ja so ein Kunstgriff der SF. Wir beobachten also ein Pärchen Wesen mit den Augen eines dritten. Die ersteren sind keine Menschen – letzteres, so stellt sich wenige Seiten später heraus auch nicht. Denn es hat Schnurrhaare. Dieses kehrt nun zu seinem “Partner” zurück und tauscht sich mittels Telepathie mit ihm aus. Ein gutes Dutzend Seiten später begreife ich endlich: Der “Partner” ist offensichtlich doch irgendwie ein Mensch. Allerdings das erste Wesen keine Katze, wie ich gedacht habe, sondern eher irgend so etwas wie ein Hund. Gut, war wohl mein Fehler von der Züchtung zum Rattenjagen gleich auf eine Katze zu schließen. Immerhin knurrt und winselt er ja auch. Aber Lippen statt Lefzen hat er trotzdem. Merkwürdig. Ist aber auch nicht so wichtig, obwohl die zu Beginn eingenommene Perspektive nicht ganz so bedeutungslos für den weiteren ‘Verlauf des Romans ist wie die Wörter der anderen zwei Wesen, die durch Sternchen ersetzt wurden. Kreativ ist das wirklich wirklich nicht. Eher ***, um eine Sprache zu kennzeichnen, die Begriffe besitzt, welche die menschliche nicht kennt. Eine grelle, zu durchschaubare Technik, literarische Exotik zu produzieren.

Nun sind da aber noch diese Pflanzen. Mit Knospen an den Köpfen. Mit diesen amüsieren sie sich hin und wieder in gewissen Etablissements (Mit den Knospen, nicht mit den Pflanzen!). Da dürfen die Wanderer nicht hinein. Diese zigeunern offensichtlich eher geduldet als erwünscht mit ihren Partnern durch die zahllosen Tunnel der Welt von Morgen. Und verkaufen den Pflanzen Schmuck. Und hin und wieder wird ihnen von den Warten der Hintern versohlt, wenn sie sich unerlaubt in die oberen Bereiche der unterirdischen Behausung begeben. Und ab und zu spricht Gott auch noch ein Wörtchen mit. Hmm. Irgendetwas ist mir wohl entgangen. (Verdammt.) Ärgerlich, aber immerhin weiß ich jetzt, was das Adjektiv “bunt” zu bedeuten hat.

Diese Pocket World erinnert entfernt – und nur im Kern – an das, was Metro 2033 so beliebt gemacht hat: Verschiedene Gesellschaften interagieren auf begrenztem Raum miteinander bzw. werden von einem recht mobilen Helden auf seiner Quest bereist und erforscht. Dabei dringt er immer wieder in Grenzbereiche vor. Hier werden die Möglichkeiten dieses Setting jedoch nicht ausgenutzt. Die neben einander existierenden Welten sind nur Mittel zum literarischen Zweck – und entwickeln keinen eigenen Wert.

Knospende Maschinen

Was Cowper da mit so viel Raffinement wenig kreativen Tricks aufzuplustern versucht, ist tatsächlich eine recht bekannte Geschichte. Nach einem Atomkrieg (spielt für die Handlung keine Rolle) hat eine ziemlich besitzergreifende Künstliche Intelligenz das Kommando in den Bunkern übernommen. Zugabe Cowpers ist: Diese klont sich Wesen nach ihren Wünschen (siehe: Pflanzen). Da diese aber steril sind, braucht sie immer zelltechnischen Nachschub (siehe: Wanderer). Diesen holt sie sich auf ziemlich obszöne Weise. Und die Wanderer haben hundeähnliche Partner, mit denen sie telepathisch Verbindung aufnehmen können. Alle gemeinsam sind auf Wunsch der Maschine (siehe: Gott) dazu verdammt, im Bunkersystem zu hausen. Damit keiner wagt, sich auf die Suche nach der oberirdischen, längst wieder bewohnbaren Welt zu machen, schickt sie grimmige Roboter (siehe: Warte) durch die Gänge.

Das geht natürlich nicht ewig gut. Schließlich schreiben die westlichen Denktraditionen seit Jahrhunderten deutlich vor: Sei explorativ! Vermehre dich und nimm dir, was du brauchst! (Oder noch mehr…mehr, mehr, mehr!). Sonst hast du auch kein Überlebens- bzw. Vermehrungsrecht (siehe: Pflanzen). So kommt es wie es kommen soll: Zwei männliche und zwei weibliche Exemplare machen sich auf in das gelobte Land, das interessanterweise immer noch von automatischen Systemen beackert und kultiviert wird. Dort machen sie es dann auch ausgiebig vor den Augen des ersten Wesens, weil das ein Forscher ist und der Roman aus der Hippieära (siehe:Telepathie) dem Zeitalter der sexuellen Befreiung stammt.

Und hier wird der Roman eine Zeit lang wirklich genießbar. Nein! Nicht deswegen! Ich muss doch bitten… Ich meine die Dialoge! Die Erntemaschinen sind mit der Anwesenheit der Menschen genauso überfordert, wie letztere mit dem sprechenden Mähdrescher. Hier zeigt Cowper, dass er durchaus witzig – und spannend schreiben kann: Denn kurz darauf will eine Horde ferngesteuerter Erntemaschinen Blut sehen! Nun, es kommt aber trotzdem, wie es kommen muss. Die Menschheit erobert sich mit Hilfe der Außerirdischen (Jaha!) und einer messianischen Ex-Pflanze die Oberfläche unseres Planeten zurück.  trickst die offensichtlich grenzdebile Maschine unter Hinweis auf die Asimov’schen Computergesetze und mittels eines primitiven Paradoxons (hier keine contradictio in adjecto) aus (Anmerkung am Rande: Da hat mir mein Windows-Rechner schon mehr Widerstand entgegengesetzt). Fortan steht das gelobte Land denjenigen offen, die sich als würdig (siehe: explorativ) erweisen – der Rest ist aber – auf lange Sicht – zum Untergang verdammt (siehe: steril). Deshalb – und hier nehmen wir mal geradezu dekonstruktivistisch Cowpers Gedankengang auseinander – heißen diese wohl auch Pflanzen. Denn ein fremdbestimmtes Leben ohne Forscher- und Eroberungs- und Vermehrungsdrang ist kaum noch menschlich zu nennen. Deshalb werden die Wanderer auch mit dem (positiven) Attribut der Nicht-Sesshaftigkeit versehen. Ja nun…

Fazit

Mannmannmann… Richard Cowpers Versuch, den wenig neuen Plot von Welt ohne Licht durch den westlichen Denkschemata verhaftete und dem Zeitgeist geschuldete Ideen künstlich zu pimpen, ist für meinen Geschmack deutlich deutlich daneben gegangen – und erst im Nachhinein – ungewollt – amüsant. Das aber mit guten Dialogen.

Anmerkung: Jetzt bin ich gar nicht auf den englischen Orginaltitel eingegangen. Spielt aber eigentlich auch keine Rolle. Er bedeutet in der Sprache der ***  soviel wie Sackgasse oder: Ende.

Schon 2 Kommentare zu: Richard Cowper: Welt ohne Sonne

Kommentar verfassen