Artikel des Weser-Kuriers über Dystopien – und DystopischeLiteratur.org

Artikel des Weser-Kuriers über Dystopien – und DystopischeLiteratur.org

Im Weser-Kurier ist am 6. Februar 2013 ein Artikel über dystopische Jugendromane erschienen, in dem auch über unsere Seite berichtet wird. Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Verfasserin Frau Friedrich (und auch dem Weser-Kurier), dass wir den Artikel hier noch einmal veröffentlichen dürfen!

Die Lust am Untergang

Junge Leserinnen mögen düstere Zukunftsszenarien / Neuer Trend in der Unterhaltungsliteratur 

Zu den Klassikern des Genres gehört George Orwells Roman „1984“, in dem die abschreckende Vision eines Überwachungsstaates entworfen wird. Unterhaltungsliteratur mit finsteren Aussichten boomt, vor allem junge Frauen lesen solche Schreckensszenarien gerne.

VON SWANTJE FRIEDRICH

Bremen. „Die Welt ist am Ende. Nach einem katastrophalen Krieg liegt der Großteil der Erde in Schutt und Asche.“ „Die Welt im Jahr 2036: Absolute Mobilität ist Realität geworden.“ Diese Sätze entstammen den Klappentexten jüngst veröffentlichter Romane. Bei einem Gang durch eine beliebige Buchhandlung ließen sich problemlos zahlreiche weitere Beispiele dieser Art aufspüren: Düstere Zukunftsaussichten liegen momentan im Trend – zumindest in der Fiktion.

„Dystopien“ nennen sich die literarischen Werke, die das Gegenteil von Utopien darstellen. Die Erzählungen spielen in einer fernen Zukunft, in der sich die Hel- den in einer nicht gerade rosigen Umgebung behaupten müssen. Während die meisten Leser im realen Leben wohl eher versuchen, Katastrophen zu vermeiden, genießen sie es offenbar, gemütlich auf dem Sofa von Schreckensvisionen aller Art zu lesen: von Kriegen, Seuchen, atomaren Katastrophen und Diktaturen. „Wenn man einen Blick in die unterschiedlichen Verlagsprogramme wirft, sieht man sofort, dass dystopische Literatur zurzeit sehr angesagt ist“, sagt Barbara Romeiser, Pressesprecherin des Piper Verlags für den Bereich Belletristik und Fantasy.

Fachsimpeln im Netz

Das bestätigt auch Maik Nümann. Der Gymnasiallehrer betreibt seit Juni 2010 in seiner Freizeit die Internetseite „DystopischeLiteratur.org“. Er rezensiert Romane und listet die Neuerscheinungen in diesem Bereich auf – bis zu zehn sind es pro Monat. „Seit es die Seite gibt, verzeichne ich stetig mehr Klicks, momentan habe ich bis zu 300 Leser am Tag“, erzählt Nümann. Die Besucher stöbern nicht nur, sondern beteiligen sich aktiv, indem sie eigene Rezensionen schreiben. Gemeinsam diskutieren und fachsimpeln die Literatur-Fans im Netz. Das Genre ist sehr breit gefächert, die Grenzen sind fließend. Neben den klassischen Dystopien, die meist von einer zerrütteten Gesellschaft handeln, die von einem autoritären Regime kontrolliert und manipuliert wird, befasst sich Nümann auch mit Katastrophenromanen und Postapokalypsen.

Dabei entspricht der Gymnasiallehrer Nümann gar nicht der eigentlichen Zielgruppe, die die Verlage jüngst für sich entdeckt haben. „Sehr oft sind die Roman-Helden junge Frauen“, sagt Barbara Romeiser vom Piper Verlag. „Die Bücher richten sich vor allem an die weibliche Leserschaft.“ Ursprünglich als Jugenbücher konzipiert, begeistern sich auch ältere Leserinnen für die Geschichten. Von einer „All-Age-Literatur“, ähnlich wie bei „Harry Potter“, spricht Romeiser.

Und ähnlich wie bei den fantastischen Zauberern und Vampiren gibt es auch bei der dystopischen Jugendliteratur ein besonders prominentes Werk, dem unzählige weitere folgten: Die Romantrilogie „Die Tribute von Panem“ der Schriftstellerin Suzanne Collins. In den USA erschien sie zwischen 2008 und 2010, im deutschen Oetinger-Verlag ein Jahr später. Die Geschichte über die 16-jährige Katniss und ihren jugendlichen Schwarm Peeta, die von der Regierung des fiktiven Staates Panem zu Gladiatorenspielen gezwungen werden, wurde ein Bestseller.“ Viele Autoren, und besonders Autorinnen haben es Collins nachgemacht und in ihren Romanen die abenteuerliche Handlung mit einer jugendlichen Romanze verbunden“, sagt Dystopie-Fan Maik Nümann. Damit hätten sie vor allem die weiblichen Leser erreicht. Die Entwicklung auf dem Buchmarkt betrachtet er jedoch mit gemischten Gefühlen: „Der Begriff ,Dystopie’ hat sich mittlerweile zu einem verkaufsfördernden Etikett entwickelt.“ Bei einigen Neuerscheinungen vermisse er den Tiefgang.

Zeitdiagnostische Werke

Gerade die tiefgründigen, kritischen Aussagen waren es aber, die frühere Romane zu Klassikern des Genres werden ließen. 1948 entwarf George Orwell in seinem Werk „1984“ die Vision eines totalitären Überwachungsstaates und prägte den noch heute gebräuchlichen Begriff „Big Brother“. Gudrun Pausewang thematisierte 1987 in dem Jugendbuch „Die Wolke“ die Gefahren der Atomkraft. Und in seinem Öko-Thriller „Der Schwarm“ malte Frank Schätzing im Jahr 2004 auf fast prophetische Weise aus, welch bitteren Folgen ein durch den Klimawandel verursachter Tsunami haben könnte.

Für die Literaturwissenschaftlerin Gabriele von Glasenapp von der Universität Köln sind klassische Dystopien vor allem „zeitdiagnostische“ Werke. „Die Autoren greifen aktuelle Themen wie Umweltzerstörung, technische Entwicklungen oder die überalternde Gesellschaft auf und steigern sie ins Extrem.“ Die düsteren Zukunftsszenarien versteht die Professorin als Warnung – dass sich diese gerade an junge Leser richtet, überrascht sie nicht. Autoren von Kinder- und Jugendliteratur verfolgen schließlich seit der Aufklärung einen didaktischen Anspruch, sagt von Glasenapp. Letztlich stecke in jeder Dystopie auch eine Utopie: „Den jugendlichen Akteuren wird die Möglichkeit eingeräumt, den Lauf der Welt zumindest ein wenig zu lenken.“ 

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